Und nun geschah etwas Bezwingendes mit fröhlichem Einklang. Der Riese der Stadt, ein mächtiger Bierfahrer, nahm schmunzelnd den immer noch Redenden wie ein Kind auf den Arm und setzte ihn vom Tisch.
Ein Lachen ging durch den ganzen Saal, das die Galerie auf eine Minute wehrlos machte. Dann setzten die wilden Rufe ein: „Ausreden lassen!“ — „Redefreiheit!“ — „Haut den langen Laban!“ Aber sie verpufften in dem Raum, den der Humor ausgepolstert hatte.
Herr von Borkhus aber durfte der Erwägung sich überlassen, ob es noch ernstlich lohne, hier ernstlich zu reden! Eine Versammlung? Nein, ein zwangloses, durch Ulk gewürztes Beisammensein! Der kleine Schweinhund in ihm gab ihm sehr lebendig recht. Aber schließlich, die Menge wollte ihre Sensation. Die zu Gast geladenen wollten ihr Bratenstück. Schon griffen aller Augen nach ihm, dem unleugbar Kraft- und Saftvollsten unter den Politikern hier, dem Gefeierten und Gescholtenen, dem Verehrten und Gehaßten. Sie alle wollten ihn hören, die Freunde und erst recht die Feinde.
So trat die große schwere Stille ein, als der Vorsitzende verkündete: „Das Wort hat jetzt als erster Redner Herr von Borkhus!“
Der Redner erhob sich langsam und trat ruhig vor mit seinen wuchtenden Schritten. Die Nerven schlugen in dem mächtigen Körper — in gleichem Maß schwangen die Fieber all der Menschen, die da unten sich ihm entgegenspannten. Die Fühlung war hergestellt, der Gleichtakt der Pulse in Liebe und Haß.
Mit Orgelklang umfing die Hörer das schwellende Organ, und etwas wie Feier war in dem, was er sprach.
„Volksgenossen! Dies ist das deutsche Schicksal, dies der Herzschlag der deutschen Geschichte: daß nichts auf der Welt die Kinder der deutschen Erde über alle die Unterschiede, die die einzelnen voneinander trennen oder gar miteinander verfeinden, zu einer festen Gemeinschaft zusammenschließen kann — nichts auf der Welt, als das grimmigste Leid! Immer nur aus der tiefsten Not wird unsere Einheit geboren. Wann aber ist unsere Not je so tief gewesen wie heute? Wann hat sie sich je so tief in unsere Seelen eingefressen — wann war ihr jemals soviel Schmach beigemischt! Und darum müssen gerade unsere Tage, trotz aller Wirren und Zerwürfnisse, uns in eine Zusammengehörigkeit schmieden, wie unsere Geschichte sie noch nicht gesehen hat! Unsere Zusammengehörigkeit — das ist die große lebendige Macht, das ist der mächtige lebendige Wall, den wir der Hörigkeit entgegenzusetzen haben, mit der die Feinde uns bedrohen!“
Mit lautem Bravo grüßten diese Rhetorik Gesinnungsgenossen und Freunde der Wortprägung. Aber solche allzu frühe laute Anerkennung war bedenklich. Schon kam Bewegung in die Reihen der Gegner. Horst sah, wie es im Nacken seiner Nachbarin zuckte, wie feindlich die Nasenflügel witterten. Die Lippen zogen sich kurz zusammen und entblößten die spitzen, grausamen Zähne. Ein böses schönes Raubtier spannte sie sich.
Der Redner spürte die Wellenbewegung wohl — er wollte sie zwingen!
Er sprach mit Hingebung von der Nation — daß das Volkstum erst das Leben des Staates sei. Es sei aber auch das Leben der Menschheit. Eine andere Menschheit als die der Völker gäbe es nicht. „Nur als Deutsche sind wir Menschen und können wir Menschen sein.“