„Das sag ich nicht.“ Ein Schlingel verkroch sich in seinen Augenwinkeln.
„Aber erschrecklich unsozial ist das doch!“ gab Frau Tilde darein, mit scherzendem Ernst.
Kunz schmunzelte: „Eine Krickente — dreiundzwanzig Kostgänger — und die soziale Frage! Da ess’ ich den Vogel todesmutig allein. Aber ich werd mir jetzt alle Mühe geben, genossenschaftlicher zu schießen, und mir einen Hirsch langen.“
„Das wird Ihnen leid,“ knurrte Borkhus, dem es jetzt doch über die Leber lief.
Seine Tochter aber wollte noch mehr von dem Barackenleben wissen, zumal von seinem geistigen Bau. Und Horst berichtete kurz von ihrem kleinen Staat. Ein Wahlkönig steht an der Spitze. Von den Mannen erkoren — und absetzbar, sobald er versagt. Bei den einzelnen Arbeiten sachverständige Leiter. Im übrigen keine Rangunterschiede. Jeder hat den Wert seiner Kraft.
„Womit die Rangunterschiede gegeben sind!“ knurrte der politische alte Herr.
Dazu Horst: „Wer kann die Unterschiede aus der Welt schaffen? Die Unterschiede sind die Welt. Dafür wandeln sich ihre Grenzen und Übergänge. Gerade in ihrer Beweglichkeit sind sie das Lebendige und das Ewige. Und darum auch der Inbegriff aller Freiheit. Deren Tod ganz einfach die Gleichheit wäre.“
In Gisbert drängten seine Empfindungen zum Worte. Er wußte, wie schwer er die Rede meisterte. Die natürliche Scheu des Mannes, vor einer Frau — und nun gar vor dieser Frau! — seine Mängel zu zeigen, lag schwer genug auf ihm. Aber, was er fühlte, wollte ans Licht.
„Unterschiede — warum sprechen wir so gerne von den Unterschieden? Warum nicht lieber von dem Gemeinsamen! Von der großen Sehnsucht, die in allen lebt. Und in der sich alle zusammenfinden. Wie alle Wasser zum Strome, wie alle Ströme zum Meere fließen. Derselbe Zug in uns allen. Suchende, Wandernde wir alle, die der Schmerz unserer Endlichkeit treibt. Warum uns stören, uns hindern und bekämpfen mit den armseligen Gegensätzen, statt die große Gemeinschaft uns tragen zu lassen! Zu unserer aller Ziel — dem Gemeinsamen! Hinein in das Bewußtsein und den Besitz der Unendlichkeit!“
Er rang an den Worten, mit den Worten, in denen mehr war als das karge ihrer Allgemeinheit. Der Reichtum war in ihrem Klang, und dieser Klang war Seele von seiner Seele und war wie der Glanz seiner inbrünstigen Augen. Heilig war ihm, was er bekannte — aber dann erschrak er, daß er bekannte. Und die kleinen Fragen kamen: wollten sie das hören — und gehörte das hierher?