Sie war auf dem Kirchhof. Es gibt Menschen, die für Kirchhöfe eine Leidenschaft haben — heißt, so lange sie selbst munter herumspazieren. Ist sie von denen?
Daß sie ein Grab hier hätte, sie, die landfremde —?
Und da fährt es ihm durch den Sinn: der junge Mann liegt hier begraben, den Borkhus erdrosselt hat! Groß geht es in ihm auf, bis zur Gewißheit: ja, ja — sie war an seinem Grabe — hier ist der Zusammenhang!
Er hatte es nicht begriffen, was damals aus ihren Augen brach, als Borkhus in der Versammlung vor ihr auftrat. Das war mehr gewesen als politischer Haß. Jetzt verstand er dieses Mehr. Der Rachegeist war es eines vernichteten Lebens, das Blutgericht einer zerstörten Liebe, die Tod wollte gegen Tod.
Und wieder ging Horst einen schweren Schritt.
Ein Schicksal — und so erst mußte ihm dies zu Bewußtsein kommen. Wie gedankenlos hatte er bisher diesen Todesfall abgetan. Wie leichtherzig hatte er ihn als was Gleichgültiges, höchstens als ein Unbehagliches von sich gewiesen.
Erst in den Augen dieser Frau mußte sich das Geschehene spiegeln.
Und es wuchs, über das Grauen der einen Tat, hinein in die große Tragödie des Volkes.
Herr von Borkhus selbst hatte es gefühlt, vergraben in die Schauer, hatte es ausgesprochen, nur vor tauben Ohren: „Ein Deutscher erwürgt einen Deutschen mit eigenen Händen! In unseren Tagen gemeinsamer Not! Die Zeit der apokalyptischen Greuel kehrt zurück.“
Nicht der einzelne — und doch wieder der einzelne! Denn aus den einzelnen wird das Volk, und in dem einzelnen ist das Erleben.