Horst schmunzelt innerlich. Meine Klinge will ich wenigstens schlagen! „Was einer früher war, kann heute und hier doch unmöglich in Frage kommen — ebensowenig wie der Umgang und Verkehr jedes einzelnen der hier Erschienenen zur Untersuchung steht. Es handelt sich doch ganz ausschließlich um den jetzigen Beruf. Und wenn ich für meine Person gefragt werde, welchen Beruf ich heute ausübe, habe ich gar keine Möglichkeit etwas anderes zu sagen als: ich bin Landarbeiter, Landarbeiter in einem genossenschaftlichen Arbeiterverbande, der, wenn Arbeitgeber, doch sein eigener Arbeitgeber und in demselben Maße sein eigener Arbeitnehmer ist. Der Herr Vorsitzende hat die Erklärung abgegeben, daß die Anwesenheit von Leuten, die nicht Landarbeiter sind, nicht erwünscht wäre. Wenn hiernach wirklich verfahren wird, müßten, so weit ich über den Stand und Beruf der Herrschaften unterrichtet bin, die da oben am Tisch der Versammlungsleitung sitzen, diese zunächst einmal samt und sonders ihre Sachen zusammenpacken und den Saal verlassen.“
Ohorufe, erst einzeln, dann anschwellend, werden laut zu diesem umgedrehten Spieß. Aber viele denken: ein verfluchter Kerl, und manch einer grient im Stillen. Horst aber hat sein unbändiges Behagen an dem Flammentanz auf den Gesichtern da oben — auch die viereckige Stirn des Phlegmatikers droht — an dem furioso in den Augen der Musiklehrerin.
Doch die wetterfeste politische Kultur der geschulten Volksmänner ist gleich an der Arbeit. Zuerst und vor allem nieder mit jeder Mißtrauensregung! Der Koch bittet ums Wort und spricht: „Ich bin anderer Meinung als unser verehrter Herr Vorsitzender. Er wünscht einen engen geschlossenen Kreis. Wir haben hier keine Geheimnisse. Im Gegenteil! Ich wünschte, es hätten sich hier recht viele von den Unternehmern, den Arbeitgebern, den Herren Gutsbesitzern eingefunden. Was sie hier zu hören kriegten — ja, die Ohren würden ihnen schon davon gellen! Aber vielleicht würden sie uns dann der Arbeit überheben, einmal mit der Faust an ihre Tür klopfen zu müssen!“
Bravo! Jetzt ist der Wagen auf dem richtigen Gleis. Der Fall Horst liegt sacht in der Versenkung. Die Tagesordnung steigt.
Der Vorsitzende spricht über die Notwendigkeit der Arbeiterorganisation. Die Landarbeiter, die einzigen, die bisher nicht organisiert wären. Rückständig wären sie. Arbeiter und rückständig, das gäbe es aber nicht! Das Rückständige wäre bei denen da oben zu Hause, und mit denen räumte die neue Zeit jetzt gründlich auf. Herren und Knechte — das wäre deren Weisheit und Wille, aber das hätte aufgehört! „Menschenwürde!“
Horst fuhr zusammen. Wieder das Wort!
„Und in Eure eigenen Hände ist die Menschenwürde gelegt. Ihr habt jetzt dafür zu sorgen, daß hier auf dem Lande auch menschenwürdige Verhältnisse eintreten. Das erste ist höhere Löhne! Und wenn Ihr alle einig seid — die, die auf den Kornsäcken und den Geldsäcken sitzen, können, werden und müssen sie zahlen!“
Dies ist der Faden. Und er hat sie an der Strippe.
Horst hörte helläugig zu. Der Mann ist ein Künstler in seiner Art, er hat die rechten Finger für das Masseninstrument.
Jetzt wird noch ein Stück in Moll gebraucht. Sie verstehen sich schon auf Konzertprogramme. Lona nimmt das Wort.