Zagend steht sie auf, aber dann entfaltet sich das, was sie spricht, wie eine Knospe zum Blühen und Glühen.
Sie sei ein Kind dieses Landes. Als Kind habe sie es verlassen. Nun, da sie wiedergekommen sei, habe es ihr den Sinn bewegt, wie wenig Menschen hier den Kopf hoch tragen. Kaum hebt einer den Blick vom Boden. Das ist es: sie tragen eine eigene Not und sie zieht eine eigene Sehnsucht. Von der Erde stammt ihre Not, und ihr Sehnen geht zu der Erde. Darum ist auf sie, ob sie’s selber nicht wissen, ihr schwerer Blick gesenkt. Ein eigenes Stück Land, so brennt es in ihrem Herzen. Mit dem Boden sind sie verwachsen, durch ihr Schaffen sind sie ihm angetraut. Denn nur die Arbeit flicht den lebendigen Bund. Und sie arbeiten nicht für sich selbst. Sie dürfen es ja nicht. Ihnen gehört die Erde — und sie gehört ihnen nicht. Das liegt auf ihnen wie ein Fluch. Diesen Fluch gilt es zu lösen. „Ihr sollt nicht mehr dulden um die Erde, Ihr sollt leben mit ihr, in ihr — ja Ihr sollt leben!“
Das greift ihnen mit fester und doch linder Hand an die innersten Seiten, an ihre heiligen Wünsche. Das ist wie Musik, das ist Seele und Sieg. Sie sind alle bezwungen.
Auch über Horst geht ein Zauber. Von der Innigkeit eines wahren Fühlens, die wie ein Stern leuchtet durch den dicken Brodem der Versammlung.
Kaum hat er das in ihr gesucht. Nicht, daß dieser Schein aufsteigen könnte, dieser stille Schein aus den lohenden Flammen ihres Wesens.
Ein Unrecht bittet er ihr ab, daß er sie bei den wilden Schlagwörtern gesucht hat, bei den knalligen Feuerwerkern von Beruf mit ihren hohlen Kanonenschlägen, ihren verpuffenden Raketen und windigen Leuchtkugeln.
Und sie können es nun doch nicht lassen, sie sorgen schon wieder dafür, daß die Stille und Andacht nicht bleibt. Der Knabenhafte hat das Wort bekommen. Lange schon hat es in ihm gefressen. An dem Gedämpften, dem Ruhigen, Sanften erstickt er. Mit den Armen fährt er durch die Luft. Zwei brandrote Flecken leuchten auf den hageren Backen.
„Ja, Ihr sollt leben! Aber leben heißt kämpfen! Des sollt Ihr eingedenk sein, Tag und Nacht und zu jeder Stunde! Und Eurer Kampfgenossen sollt Ihr gedenken, in Treue bis zum Tod — und in Zuversicht! Nie hat die Menschheit ein größeres Heer gesehen! Das Heer der Menschheit ist es! Verbrüdert als Eidgenossen alle Proletarier der Welt! Gibt es was Gewaltigeres? Wer kann uns widerstehen! So müssen wir fühlen — und die Welt ist unser! Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heißt! Unser Vaterland ist die Erde!“
Seine Stimme schrillt wie eine zersprungene Saite. Junge Kehlen brüllen ihr Bravo. Durch Horst zuckt der Schmerz. Er kennt den Text und die Weise — er will lächeln und es wird eine Grimasse.
In die Versammelten blickt er. Täuscht er sich? Rollt dort nicht ein Kopfschütteln durch die Reihe — prägen sich hier nicht Unmutsfalten in alten ernsten Gesichtern?