Wie hast Du Dich selbst betrogen, dachte Horst. Nur, was Du sehen wolltest, hast Du gesehen! Ich weiß auch von brechenden Augen! Ich weiß auch, wie deutsche Männer gestorben sind! Daß der Tod vorm Feinde ihnen des Lebens Erfüllung war!

Das große Sterben — es war zuviel für Deine Frauenseele. So bist Du verstört, so ist sie irre geworden. Und in Horst schwang das alte Mitleid.

Sie selbst wollte auch jetzt keinen Kampf der Meinungen. Von ihrer eigenen inneren Wandlung sprach sie nun, offen und mitteilsam. Daß alles, was sie an Gottesglauben mit herausgetragen habe, ihr im Felde zertrümmert worden.

Ich konnte einmal beten — ich hatte meine Zweifel und kehrte zur Andacht zurück — dann aber hatte ich nur noch ein Lachen für mein Gebet.

Es war an der Aisne, in der Osterzeit. Unser Feldlazarett war überfüllt — wir betteten eine große Anzahl weniger schwer Verwundeter in der Dorfkirche. Ein paar Operationen waren gemacht. Alle schienen gerettet, alle, die hier lagen, hofften und träumten sich ins volle Leben hinein. Der Ostersonntag. Draußen ein geradezu jubelnder Frühling. Da baten sie mich, ich möchte ihnen doch die Orgel spielen. Ich tat es freudig, ich selbst war dankbar und fromm. Das Auferstehen war in meinen Klängen. Und voll Dankbarkeit und Frömmigkeit war das Gotteshaus. Nie ist reinere Andacht gen Himmel gestiegen. Und plötzlich — in die innigste Feier der Seelen hinein — das Grausigste, das Grausamste an wilder Vernichtung. Ein Volltreffer aus schwerstem Geschütz. Die Decke stürzt ein. Die Hilflosen, Schmerzensreichen, ans Kreuz Geschlagenen werden zerschmettert, verschüttet, zermalmt. Hosianna in der Höhe! Ich mit der Orgel hänge in dem Gebälk. Ich kann mich nicht rühren, kann nicht hinunter. Kann nicht helfen. Und niemand kommt. Die Zeit erstarrt in Grauen. Abenddunkel. Die letzten Schreie sterben, das letzte Röcheln der Gemarterten erlischt. Ich — allein. Und — eine andere geworden —

Sie schwiegen. Worte hatten hier nichts zu sagen.

Verstehen! Das war es, um was Horst im Innersten rang. Und die Frau, die zerwühlte, zerquälte, wurde ihm vertrauter. Ihrer Welt, der fremden, feindlichen, verschloß er sich nicht mehr in eigenem Glauben, eigenem Willen, eigenem Werk.

Sie aber fühlte, daß hier Schranken fielen. Daß es für sie beide, über ihre Gegnerschaft und ihre Gegensätze hinaus, ein Schwingen gab, dem sie nicht mehr widerstrebte. Einen Klang, auf den etwas in ihr lauschen mußte. Also doch etwas Gemeinsames?

Und wohl blinkte es in ihr auf: sind hier nicht die Keime einer Macht? Einer Macht über den Feind? Ihn immer mehr lösen aus dem Selbstgefühl, der Sicherheit seiner feindlichen Überzeugung! Ihn herüber ziehen — ihn gewinnen — ihn bezwingen —

Ein fernes Licht, am fernen Horizont. Aber doch ein Ausblick, ein Ziel — ein Träumen noch — und doch ein ahnungsvolles Hintasten nach der Wirklichkeit, der Erfüllung —