Und wieder ein trotziges Sichzurückziehen. Nichts gibt es zwischen uns! Nichts als den Kampf auf Leben und Tod. Der Du auf der Seite meines Todfeindes stehst. Sein Schützling — und sein Beschützer. Und darum gehaßt von mir, Du wie er!
Und doch wieder das Hinneigen. Und das hingegebene Horchen auf das, was schwang.
Wieder schwieg alles, was streitbar gegen ihn sich regen wollte. Sie vergrub sich wieder in sich selbst, in die eigene Wandlung. Sprach mit einer wehen Offenheit von ihren Kindertagen. Daß sie mit der Orgel groß geworden sei. Wie sie mit der Orgel Gott gefunden habe — den sie mit der Orgel verloren.
Sie wollte heraus, aber sie sank zurück. Und das Entsetzen wühlte sich wieder durch sie hin. „Orgelklänge — des Ewigen Ehre zu loben hat man sie beflügelt — ich hab ihm so meinen Fluch ins Gesicht geschrien! Den Fluch und die Vernichtung! Die Gottesflucherin! Die Gottesmörderin! Nur, wenn ich Dich glaube, lebst Du! Ich glaube Dich nicht, ich glaube Dich nicht! Und damit töte ich Dich! Langsam — quälend — und mit Bedacht —“
Über ihrem Auge lag es wie eine blinde Haut, es flogen ihre Glieder, so fror ihr das Grauen im Gebein. So schüttelte sie der Wahnsinn. So sank sie in die tiefe kalte Nacht.
Horst nahm ihre eisigen Hände. Da wachte sie auf. Und ihn traf ein fast dankbarer Blick. Als wollte ihr einer Hilfe bringen in ihrer furchtbaren Erstorbenheit — als gäbe es für sie Hilfe.
Dann strich sie das Haar so straff aus der Stirn, daß sie schmerzhaft zuckte. Klopfte die beiden Schläfen mit beiden Zeigefingern und blickte jetzt klarer und sprach jetzt still. Mit dämpfender Ironie. „Warum soviel stilistische Erregung! Wenn man innerlich mit sich im reinen ist!“
„Wer ist das! Wann sind wir das! Dies im reinen halte ich meinerseits nun — Verzeihung — für reine Stilistik.“
Sie sieht ihn fest an. „Und doch, der große Gotteskünder, auf den Ihre Welt eingeschworen ist, fordert nicht gerade er das Unbedingte? Immer hat mich dieses „Ja, ja — nein, nein“ erschreckt. Das Grausamste, was es gibt. Haben wir nicht im Grunde ein Recht auf Zweifel, auf Abwege, auf Umwege, auf Irrtümer und Kämpfe?“
„Wir habens! Und darum gibt es, solange Sie leben, auch für Sie keine religiöse Totenstarre.“