Zu dem Wort hob sie die Lippen wie zu einem Heiltrank. Aber dann verschloß sie sich wieder, lehnte Horst ab, ging zu ihrer Musik und fand eine müde Ruhe. „Wer hat die Musik die Kunst der Erinnerung genannt? Und soll die Erinnerung selbst nicht Kunst sein? Erhaben ob dem Geschehenen? Jenseits der Erschütterungen? So hab ich doch auch längst wieder die Orgel spielen können. Es war zuletzt ganz Spiel um des Spieles willen. Und die Töne waren über dem Leben.“

Horst mußte denken, ob Du nicht so wieder heimfindest?

Er sprach dann von sich selbst, was ihm das Orgelspiel immer gewesen war. Im Schatten der mächtigsten Kirche einer alten Hansestadt steht das Wohnhaus seiner Kindheit. Gedämpfte Orgelklänge begleiteten seine ersten Träume. Was seine Jugend ersehnte, was durch seine junge Seele stürmte und brauste, jeder Brand, jede Inbrunst seines Herzens — alles zitterte und lebte von dem Orgelklang, alles war von ihm durchwebt, von ihm gehalten und geweiht von ihm.

„Für mich ist das Orgelspiel Heimat. Und Heimweh.“ Da sah sie ihn groß an, und ihre Augen verstanden ihn.

Und es bebte in Horst, als er sie bat: „Darf ich Sie nicht einmal Orgel spielen hören?“

Sie zuckte zusammen, von der persönlichen Berührung in diesem Wunsche. Er und sie — zu meiden hatten sie sich, sich zu bekämpfen, sich zu vernichten.

Ein Waffenstillstand? Mit Orgelmusik?

War nicht die Fremdheit, die Feindschaft von ihnen abgefallen? Wo sie so miteinander sprachen, hatte sich nicht fast ein Vertrautes eingestellt?

Und sie gab die Antwort auf seine Bitte. „Ja, wenn sie mich hier noch in die Kirche ließen!“ Dann erzählte sie: mit dem alten weißhaarigen Organisten von Sankt Nikolai wäre sie gut Freund. Er hätte ihr mehrmals die Schlüssel zur Kirche gegeben. Die Orgel wäre ein vorzügliches Werk von dem alten Zacharias Hildebrand.

„Und jetzt?“