Er nannte alle Mädchennamen, aber es wollte keiner passen. Er verfaßte in träumendem Reiten durch dies Chaos der Lust eine ganze Spalte Familiennachrichten und stellte darin Vermutungen auf: himmelblaue über Vater, Mutter und Geschwister; gelbe über die Frage, ob so etwas Morgenblütiges und voll von Ostertau noch ohne Bräutigam wäre; sehr grüne über ihre allgemeinen Fähigkeiten zu lieben und über ihre besonderen, ihm die Treue zu halten …
Diese peinigten ihn ein wenig, und als er die Läden über die Augen schlug, um klarer sehen zu können, stand sie noch immer im Fenster des dunkelgelben Eckhauses am Park, aber sie hatte nun auch den anderen Buschen Mandelblüten verschenkt und hatte in jeder Hand einen langen Stengel Diclytra, die sie in Weimar fliegende Herzen nennen, und die vielen, vielen Herzen baumelten über den Köpfen der jungen Männer, die unter dem Fenster vorübergingen, und jeder konnte eines haben, wenn er gut danach hüpfen konnte.
Seit Gwendolin war er dem Gedanken nicht mehr nachgegangen, daß ein Frauenherz eine Einrichtung mit beliebig auswechselbarer Liebe und Treue sei, und der Sitz in dem behaglich knirschenden Sattel wurde ihm unbequem.
Manchmal war es ihm, das Hurrarufen wäre tief, tief unter ihm, und die Leute stünden alle auf dem Kopfe und schrien ihre Begeisterung über das Straßenpflaster. Zuletzt aber setzte sich das ganze Ringsum in ein wohliges Schaukeln, und er trieb segelsachte darüberhin in eine pfirsichrote Crêpe-de-chine-Beleuchtung.
Als ihm eine schöne Hand am Schillerhause einen Becher Sekt in den Sattel reichte, und Schiller unter die Menge trat und eine erstaunte Rede hielt, die mit den denkwürdig-pathetischen Worten begann: »Was rennt das Volk, was wälzt sich hier vom Kaisercafé bis zu mir?« tat Jockele, als grüße er mit dem Schaumwein die lächelnde Spenderin. Aber er beging damit einen schändlichen Verrat und trank auf den Frühling im Liszthause. Und darüber kam ihm die Erlösung: der Name Frühling, der sich ihm gar nicht so recht an die Lippen legen wollte, ward auf einmal zu Minchen Herzlieb, und »Hurra Minchen Herzlieb« tirilierte sein Herz, und er brach in göttlicher Gebelaune einen Zweig aus den rosa Blüten Minchen Herzliebs und reichte ihn mit dem silbernen Becher hinab.
Friedrich von Schiller hatte mittlerweile eine Salve knatternder Jamben auf das Volk abgefeuert – Jockele wollte wetten, es wäre ein Akrostichon auf Minchen Herzlieb gewesen. Die Sache nahm ihren Lauf: seitdem das Mädel einen Namen hatte, kuschte es sich ihm ins Herz wie ein Vöglein in sein Nest. Und das Herz war aus Mandelblüten.
Während er so dahinritt und immer dachte, es müßte nun alle sein, sang er leis und laut in die Musik. Das Lied setzte sich nur aus den zwei Worten Minchen und Herzlieb zusammen, und es war doch alles darin, was ein junger Mann zu einem gewissen Wohlbefinden braucht, über das sich die himmlischen Englein wundern müßten, wenn sie so etwas schmecken könnten.
Wie er den Zug doch endlich vor den Armbrustsaal in der Schützengasse geleitet hatte und den Knecht sah, der dort auf die Rappstute wartete, glitt er aus dem Sattel, warf dem Jungen die Zügel zu und versickerte in die jubelnde Unendlichkeit. Als er drüben wieder herauskam, warf er sich in ein Auto, und am Fenster des Liszthauses stand Minchen Herzlieb als süße Treuhalterin, hatte die langen Stengel mit den vielen, vielen Herzen gar nicht in den Händen, sondern biß sich ein wenig leuchtende Verlegenheit in die Lippe und dachte: »Teufel, da hab' ich wieder mal was angerichtet!«
Sein Herz schlug wie ein Triangulum, weil er sie noch an der gleichen Stelle fand, und er läutete sich gleich mit allen Glocken in sie hinein –