»Erstens habe ich Dich auf dem drei Stunden langen Ritte siebentausendmal ›Du‹ genannt,« jubilierte er, »und zweitens ist Fasching, das ist das große Verbrüderungsfest der Menschheit – guten Tag, Minchen Herzlieb!«
Da schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und das Tirilieren kam auch über sie –
»Ich heiße ja gar nicht Minchen Herzlieb, ich heiße ja Sibylle Bach!«
»Auch ganz schön,« sagte er – »Sibylle Bach … das geht in den Mund wie Knickebein, aber Minchen Herzlieb läuft ins Herz wie der blühende Frühling! Guten Tag, Minchen Herzlieb! Und nun mach' die Tür auf und laß mich hinein!«
Frau Pauline stand zu einem Ausgange gerüstet. Sie hatte es aus ihrem ahnungsvollen Frauenherzen heraus so eingerichtet und stattete damit einem Manne, der schon längst seine ehrsame Mansarde im Himmel bezogen hatte, eine liebe Dankesschuld ab.
Dieser Mann war der Großvater Minchen Herzliebs und hatte sechzig Jahre zuvor eine blutjunge Geschichte mit Paulinen erlebt; das wirkte nun über Zeit und Leben hinaus und verschaffte Minchen das Recht, zu festlichen Gelegenheiten aus dem Fenster des Liszthauses jungen Männern die Köpfe zu verdrehen. Aber es muß zu Minchens Ehre gesagt werden, daß sie auch zu anderen Zeiten und Gelegenheiten dieser kurzweiligen Beschäftigung nachging.
So oft sie in Paulinens blankes Stübchen trat, in dem die weißen Fensterbehänge mit den roten Geranien Feste feierten, verfiel die alte Dame zuerst in ein hingebungsvolles Schweigen. Minchen Herzlieb verhielt sich dann abwartend, bis Tante Pauline mit den Fingern auf der Kante des Nähtisches zu trommeln begann. Dieser sanfte Wirbel, auf dem ein Dämpfer von sechzig Jahren saß, lief immer den gleichen Worten voraus – »Ja ja, Dein Großvater hat mich einmal heiraten wollen, Sibyllchen, aber es ist hernach nichts daraus geworden …«
Es ist wahr: die guten Taten der Väter werden an den Kindern heimgesucht durch viele Glieder. Jockele widmete dem alten Herrn im Himmel ein paar rührende Worte des Dankes. Daraus erkannte die greise Schließerin, daß der junge Mann, der vorhin so schön zu Roß gesessen, auch ein sehr guter Mensch wäre, und sie machte sich voll gütigen Verständnisses auf den Weg.
Es war ein so liebes Scheinen in dieser Stube wie in den Räumen des Hauses am Buchenwalde zu Ibenheim; aus allen Winkeln atmete die alte Zeit, und draußen auf der Straße spielte ein sachter Wind Fasching und tanzte mit den bunten Konfetti einen altmodischen Walzer.
Minchen Herzlieb fragte Jockele gleich, ob er Tango könnte.