»Nein,« sagte er. Aber es fiel ihm ein, daß ein junger Mann mit vielen Mädchenbekanntschaften universale Kenntnisse besitzen müsse – was wissen Sie von Goethe, von Wieland, von Wildenbruch, von dem ›Hauptgeschäft‹, vom Peneios, von Persephoneia, von Hysterie, von Tango? – Die einzige, die nichts weiter von ihm hatte wissen wollen als das Küssen, war Gwendolin. Er hatte ihr längst verziehen, daß sie so übel mit ihm verfahren war, und manchmal in diesen Winternächten im Baumwinkel waren ihm die Lippen im Feuer der Sehnsucht nach ihren verzehrenden Küssen heiß geworden.

Viel, viel später dachte er einmal: Es wäre gescheit, wenn die jungen Männer auf die ersten Fragen warteten, die ihnen von einem Mädchen vorgelegt würden. Diese ersten Fragen lassen sie ausfliegen, damit sie ihnen Botschaft bringen, wie es in der Welt aussieht, an deren Strand sie segeln. Und wer hinhorcht, der weiß, wonach diese Tauben vor allem Ausschau halten.

Jetzt aber hatte er zu derlei Betrachtungen keine Zeit. Es war ihm schon zur belustigenden Gewißheit geworden, daß Minchen Herzlieb gar nicht ahnte, daß er sie zur Trägerin eines berühmten Namens gemacht hatte. Sie nahm die Herzensgeschichten vergangener Herren nicht entfernt so wichtig wie ihre eigenen. Darum sagte er ihr, daß sie furchtbar nett aussähe, hütete sich vor dichterischen Vergleichen und hielt sich an das Greifbare. Das Sofa mit dem Kirschbaumrahmen, durch den sich zierliche Einlagen schlängelten, sagte zwar ein verwundertes ›Na!‹; denn es war von Tante Pauline her an ruhevollere Behandlung gewöhnt, aber es dauerte nicht lange, so war doch wieder nur der kleine fixe Schlag der Pendule hörbar, und die Geranien am Fenster waren die Fackelträger.

An Gwendolin dachte Jockele nicht, wiewohl sich Minchen Herzlieb viel weicher und ergebungsvoller benahm. Die Liebesstunden mit Gwendolin waren ein Flammentanz, ein Taumel durch alle Brände der Hölle, ein Vergehen in feuerroter Seligkeit, waren ein ungeheueres Verschwenden gewesen.

Minchen Herzlieb dagegen blieb bei sich selber und verabscheute die Tiefen. Sie fiel in ihre Sinne wie die Lerche in die jungen Halme, voll Lütütü und hellgrünem Pfingsten. Aber in Gwendolin Vogelgesang entluden sich alle Mächte des Himmels und der Erde. Gwendolin sprang in eine Liebesstunde vom Turme – Minchen Herzlieb dachte daran, ob er hernach wohl mit ihr zum Faschingsball gehen werde. Wenn er diesen famosen Einfall hatte, durfte sie keine Knitter bekommen; denn sie wollte für die ganze Welt immer frisch aufgeblüht erscheinen. Dem Gedanken, nur einem zu gefallen, stand sie mit lachendem Unverstande gegenüber, aber es war doch eine schauerliche Süßigkeit, mit der er über sie kam. Und als er die Perücke ganz nebenher in Sicherheit bringen wollte, weil er dachte, Minchen Herzlieb wäre so hoch im Himmel, daß sie davon nichts merkte, brachte sie durch ihr Lachen die Stimmung in ein gefährliches Schwanken.

Dann fielen ein paar Fäden Dämmerung durch die Fenster, und draußen in der blauen Küche bekam Frau Pauline Apel einen diskreten Husten und läutete mit zwei Tellern Feierabend.

Da machten sie sich fertig und gingen in die Armbrust zum Faschingsball, und seit diesem Balle hieß sie in der ganzen Stadt Minchen Herzlieb.

Sie blühte auch da unter aller Buntheit hindurch und schwamm in Weltfeiertagsfröhlichkeit, aber wenn Jockele die vorige Stunde in ihren Augen suchte, stand sie doch noch darin. Gwendolin dagegen konnte zwischen zwei Minuten eine sternenweite Vergessenheit aufrichten – die Augen, die in der einen gesagt hatten: »Du trinkst mir mit Deinen Küssen die Seele aus,« schwuren in der nächsten: »Ich kenne diesen Menschen nicht.«

Wenn er mit Minchen Herzlieb tanzte, fiel alle Erdenschwere von ihm ab samt Armem Heinrich und Tartarus und Huschs Anfällen; denn das Mädchen lag ihm im Arme wie eine hineingewehte Blüte; und so führte er sie in einer Nachmitternachtsstunde nach Hause. Sie gewährte ihm noch eine kleine Nachfeier in der Gartenlaube. Der Wind, der durch die Windmühlenstraße am Silberblick hinauf in die Felder lief, tat die vorjährigen Blätter der Clematis auseinander und wollte ein bißchen gucken, konnte aber nichts sehen.

Da vereinbarten sie einen Katerbummel, der so lang und leichtsinnig sein sollte wie das schöne Wetter. Er dauerte drei Vormittage. Der erste Morgen in den Stadtratstannen und Buchfart war ein wenig müde, und Jockele war zu Betrachtungen geneigt; der zweite war voll Ueberstrom an Licht und Liebe, und als sie vor der kleinen Brunnengruppe des Herkules und Antäos in Belvedere standen – in jenem Gartenteile, in dem der alte Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen die Eiche gepflanzt – nahm er sie auf den Arm und trug sie in klingender Siegerfreude den Parkweg entlang bis hinab an den Fichtensaum im Tale.