Erst hatte sie gedacht, dem Minchen wäre die alleswissende Gwendolin im Wege gewesen, und es hätte deshalb ein Zerwürfnis gegeben, das sie schon auf dem Heimgang ahnte, und sie war froh, daß sie nicht dabei zu sein brauchte. Nun erkannte sie aber: das war es nicht, und wunderte sich über die Maßen, daß er des frischen Mädchens mit den trällernden Augen so bald überdrüssig geworden war.
Er wunderte sich darüber eigentlich auch und deutete vor Husch immer wieder in grausamer Selbstentblößung auf den ›langen und tapferen Menschen‹, der so eigenwillig in seinem Schaffen und seinen Tagen stand und doch immer so auf das erste beste hinliebte, was ihm den Weg kreuzte.
Gleich Maria Reh, die eine kleine Ewigkeit älter war als er, war keine glückliche Wahl gewesen. Und so weiter. Aber zuletzt erteilte er seinem irrenden Herzen in Husch's Beisein eine lustige Generalabsolution und fand für jeden Irrtum eine Entschuldigung: Maria Reh war schon damals voll schöner Sommerreife gewesen, die nun in Ausdehnungen und Behaglichkeit hineinwuchs; Gwendolin hatte Stunden, in denen sie den lieben Gott besiegen konnte, aber sie litt an kurzem Gedächtnis; vor Erika Flucht war er nur bis zu einer dankerfüllten Verehrung gelangt – sie suchte nach Blumen auf späteren Feldern und liebte bis auf weiteres über das Zeitliche dahin. Aber sie hatte ihn doch ein großes Stück Weges geführt …
So stellte er jede, die zu dem Kapitel ›Jockele und die Mädchen‹ gehörte, an diesem Nachmittag in dem kleinen Haus im Pflaumenwinkel auf. – Doris Rinkhaus kam zuletzt und weitab von den anderen. Er sagte außer ihrem Namen kein Wort von ihr; denn er wußte: er hätte Husch an das Geranienfenster Paulinens im Liszthaus setzen können, während er mit Minchen Herzlieb das Verbrüderungsfest feierte – Husch hätte ihn deshalb nicht scheel angesehen; aber sie geriet an die Qualen des höllischen Feuers, wenn das Bild der blonden Doris in die Zweieinsamkeit ihres Hauses trat, und sie gönnte ihren Augen nicht, daß sie eine Studie Jockeles betrachtete. Darum: als die Reihe an Doris Rinkhaus kam, entwischte Husch mit ihm in die ferne, ferne Zeit und leitete ihn zu klugen und besinnlichen Reden über die Mädchen des Frühlingshauses.
Dabei merkte er, daß Tante Veronika über alle hinwegschien – heller, als er den lieben Glanz empfunden hatte, wie er noch mitten darin stand. Und sie wurden lustig an dem Mädchen Mali, die es fertig gebracht hatte, mit ihrem Singen alles in ewigkeitstiefe Abgründe zu schlagen, was ihm an Klängen in sein jauchzendes Zigeunerherz hineingeboren war.
Doris Rinkhaus war er seit Tagen ganz aus den Händen gefallen. Er hatte sie nicht mehr gesehen seit jener Stunde, in der sie ihn fragte: »Wo haben Sie Ihre waldwüchsige Zigeunergesundheit hingebracht?«
Aber das war schon immer so gewesen. Sie drängte sich nicht in seine Angelegenheiten und war immer ganz unsichtbar, wenn er sein Herz auf Abenteuer schickte. Es war, als hätten sie drüben im Gartenhaus ein Barometer, das den Druck der Atmosphäre auf dies Herz mit verräterischer Genauigkeit anzeigte. Doris Rinkhaus schloß beide Augen, wenn sie merkte, daß er wieder einmal in eine blutjunge Geschichte hineinsegelte, aus der er sich doch alsbald rettete.