So behütete sie ihn, daß er vor ihr rot werden mußte. Auch den Faschingsritt hatte sie mit einem lachenden und einem trauernden Auge betrachtet – solche Dinge lagen ihr nun einmal nicht.

Im Sommer, wenn sie beide von der gleichen Stille der Baumwinkel eingesponnen wurden, hingen sie an den goldgeschmiedeten Lichtketten, die im Schattengarten umherlagen. Aber nun plätscherte ein langweiliger Februarregen in die Welt, und Maria Reh hatte aus der Stadt mitgebracht: Jakobus Sinsheimer wäre von der kleinen Person am Silberblick festgenommen worden.

Er selbst saß drüben in schöner Ahnungslosigkeit und dachte: es wäre fein, daß von dieser dreitägigen Haft nichts ruchbar geworden.

»Ich begreife Dich nicht,« sagte Maria Reh zu Do – »wie kannst Du darüber so vergnügt sein?«

»Du tust ja, als wärest Du mit ihm verheiratet!« lachte Do. »So hol' ihn herüber und laß ihn die Mädchen abschwören für alle Zeiten! Warum willst Du nun gerade diesen hübschen, langen Bengel zu einem Mönch machen? Na, und daß er nicht mehr in Dich versunken ist wie im Ibenheimer Waldmärchen – das sollte Dich doch nicht zur Beschließerin seines Herzens machen!«

Maria Reh kannte diese Reden. Sie waren die Vorläufer langer und schweigender Stunden, über die sie sich oft recht mühsam wieder zueinander fanden: »Du bist es dem Vertrauen der alten Dame schuldig, daß Du mal zu einem kleinen Familienrat reisest.«

Aber damit war sie gründlich abgefallen, und seitdem bekam sie verzweifelte Augen von diesem Liberalismus artigen Frauentums und knurrte sich in ein rebellisches Kopfschütteln über verrückte Erziehung hinein.

Einmal um diese Zeit griff sie sich Gwendolin und hatte eine lange, eindringliche Parkwanderung mit ihr. Der Regen war fort, ein kalter Nebel reifte durch die Bäume und strickte Netze aus Silber. Die Ilm rauchte, und die Baumläufer eilten geschäftig pochend über die alten Stämme und hatten ihre liebe Not, daß der Frühling unter dem weißen Glanze nicht wieder einschliefe.

Auf der Schunkelbrücke bei der Pappfabrik, als die Mädchen zur Belvederer Allee hinübersteuerten, wurde Gwendolin von ausgelassener Lustigkeit an Maria Rehs komischer Sorge – die Geschichte mit Minchen Herzlieb wäre ja nur eine kurze Novelle gewesen mit dem Titel ›Zwei glückliche Tage‹, und die Sache hätte mit dem Lustspiel eine verblüffende Aehnlichkeit: der erste Tag glücklich, weil er sie hatte, der zweite, weil er sie los wurde! Es wäre ein Lustspiel, das diese Sorte Mädchen in jedem Monat einmal als Heldinnen durchlebte!

Da geriet Maria Reh in harte Bedrängnis, rettete sich hinter Tante Veronika und tat, als wäre sie von ihr als Agentin der Sittenpolizei eingesetzt.