Und dann schlug die Gartenhütte ihre Augen auf. Da pendelte noch die geschwärzte Weltkugel, die einmal ein Behälter für Schokoladenpfennige gewesen war, und geriet in ein stürmische Schwingen. Da hingen die Kästen mit den Schmetterlingen, da war … es war alles da, was ein wundertätiges Jungenherz in Verstand und Unverstand als nötig zur Seligkeit erkannt hatte. Auch die Trümmer der Flugmaschine. Davor wurde Jockele besinnlich und sagte: »Die Trümmer eines Flugzeugs liegen auch in dem kleinen Haus am Horn – aber sie liegen wohl in allen Häusern!«
Ob Tante Veronika mit der schönen, blonden Doris Rinkhaus jemals oder gar schon an jenem Tag ihres ersten Zusammentreffens im Baumgarten am Horn einen Zweibund geschlossen – aus dem Gefühl einer Interessengemeinschaft an Jockele – ist nicht bekannt geworden. Es ist aber nicht anzunehmen; denn das Vertrauen der alten Dame zu ihrem Pflegesohne war unbegrenzt von Anbeginn und wollte so bleiben bis zu dem Augenblick, in dem es für Jockele ein so gleichgültiges Ding geworden wäre, daß er es zerbrach und ihr vor die Füße warf. Sie war mit klingendem Spiel in das Herz, in das tapfere, eigenwillige Herz Dos eingezogen, als sie in der Kriegszeit zu ihr sagte:
»Ich habe die Erziehung meines Jungen auf dies unbegrenzte Vertrauen gestellt, weil ich meine, es ist keine Grundlage sicherer, Eltern und Kinder in alles überwindender Zuneigung aneinanderzufesseln; denn die Bande des Bluts vermögen das nicht.«
Dies Wort war zu einer Offenbarung für Doris Rinkhaus geworden: man hatte in dem reichen Haus am Rhein über sie Beschlüsse gefaßt, für die sie mit List oder elterlicher Gewalt gewonnen werden sollte. Und sie war aufwieglerisch geworden. Die Bande des Bluts waren nicht zerrissen, aber die des Vertrauens wollte sie sich erkämpfen; darüber hatte sie das elterliche Haus verlassen, eine längst Mündige. Und sie wollte heimkehren, wenn ihr die Mündigkeit auch von Rechts und Gesetzes wegen zugesprochen sein würde. –
In ihrem Verhalten zu Jakobus war mancherlei Wandel eingetreten. Zuerst hatte sie ihn gesehen mit den Augen Maria Rehs: als den dunklen, blauäugigen Jungen, mit dem das Schicksal von der Schwelle des Lebens ab ein leuchtendes Spiel getrieben, und der aus seiner umblühten Waldjugend rein und schön und schwärmerisch vor das süßeste Geheimnis des Lebens geraten war. Er fragte nicht vorwitzig nach Dingen, die ihm nicht geziemten, sondern ließ die Sonne geahnter Wunder heimlich in sein Herz fallen, wie der Frühling fällt in das Herz des Waldes. Und erschauerte in Ahnung harrender Herrlichkeiten.
Danach tat er ihr selbst die Türen auf, und sie erkannte die Fülle und Leere der jungen Jahre in ihm. Das Haus am Walde ward offen für sie – von Stund an wußte Do, daß Maria Reh die Kunst der feinen Hände, die die Uhr seines Lebens geregelt, nicht erkannt hatte.
Tante Veronika meinte dies helle Jungenleben ganz anders als Maria Reh; denn Maria Reh war mit fünfundzwanzig Jahren eine Distelbauerin, Tante Veronika aber hielt mit fünfundsechzig das Uhrwerk ihrer kleinen Welt unter einer Glocke aus Himmel und sorgte, daß kein Staub in das blanke Getriebe fiel. Dabei war sie aber immer lächelnd bereit, es auch einmal putzen zu müssen.
Wenn Do darüber nachdachte, was sie an Himmel und Erde zumeist bewunderte, so stand die freundliche Greisin mit den Scheiteln aus Silber ganz vorn. Und wenn sie sie fragte, wen sie unter allen Menschen zumeist liebe, so schritt Tante Veronika mit dem sanft wiegenden Spitzenumhang und dem Kapotthütchen mit den violetten Bändern, dem gelben Krückstock und dem ganzen sauberen Drum und Dran unter den Kastanien des durchsonnten Baumgartens daher und sagte: »Ist dies wohl das kleine Haus, in dem der Kunstschüler Jakobus Sinsheimer wohnt?«