Damals, als sie ihn am Ufer der Ilm in Tiefurt fragte: »Was wissen Sie von Goethe?« damals hätte sie diese Pläne jubelnd und stürmisch vor ihm ausgebreitet.

Nun schritt einer neben ihr, vor dem sich ihr erblühtes Frauentum noch immer nicht zu wehren brauchte – diese ungeschlossene Kraft reichte nicht an sie heran – und vor dem es sich nicht beugen konnte … aber es schritten da ein Wille und eine Art, die das andere Geschlecht hatten, und die sie sich nicht zusammenzupacken getraute wie die des langen Jungen, der ihr vor Jahr und Tag aus dem Bergwald heraus in die Arme gelaufen war.

Wenn Maria Reh die letzten Worte Jockeles gehört hätte, wäre sie kampfwütig gegen Do geworden; denn es war ihr Stolz, daß sie dies Talent im Walde gefunden hatte, und so oft sie davon sprach, fing sie an, mit Rührung Goethe zu zitieren: von jenem Blümlein, das sie mit allen Wurzeln ausgegraben und in den Garten beim kleinen Haus gepflanzt habe. – Daß zuletzt doch der weiße Tod seine Hand im Spiele hatte und den Jungen jählings hinauswarf in die Welt, konnte sie nicht ganz in Abrede stellen, aber sie ließ sich ihren Entdeckerruhm darüber nicht schmälern.

Das gelang ihr um so leichter, als Jockele zwar seinen künstlerischen Eigensinn und seine technischen Unbeholfenheiten hatte – wer aber wollte die Keckheit besitzen und ihm sagen, daß er einer der vielzuvielen wäre, die einem Irrlicht ihres Herzens nachstürmten, das sie für die Fackel des Genius hielten? –

Nun, da das erste Wort von Jakobus selbst gesprochen worden, nun ward Do auf einmal bange, einem Quell nachzugraben, der am ersten heißen Tage wieder versiechen konnte.

Sie erschrak und sagte: »Bilden Sie sich denn ein, die Sterne lassen sich so vom Himmel holen, ohne daß Sie sich auf dem Wege über die blauem Berge einmal die Knie zerschürften? Oder wie haben Sie sich dies Pflücken der fernen Lichter gedacht?«

Er sagte: »Gedacht! Was denkt sich ein Junge unter dem Kampf um Glück und Ruhm eines Künstlers? Was denken sich die Menschen dabei? Und was selbst der Künstler? Man weiß, daß es ein Kampf war, wenn er Sieg wurde, und dann sagt man: dieser Kampf war Glück! Aber wenn er nie zum Siege führt, dann heißt er Künstlerelend, und sein Symbol ist der Schmachtriemen. – Ich bin nicht Narr genug gewesen, in diesem ersten fröhlichen Anlaufe rechts und links neben die Straße zu schauen; denn das sag' ich Ihnen: hätt' ich mich darüber ertappt – ich hätte mich dieser guten, sorglichen Mutter nicht einen Tag lang verborgen! Es hätte sich dann wohl auch ein anderer Weg gefunden; denn unter den Drängen meiner Thüringerwaldjahre stand der zur Malerei doch erst an zweiter Stelle, und vor Maria Reh kannte ich Tante Veronika und ihre Bücherei, kannte ich das Zinzilein und den Herrn Matthias Prinz und mich selber.«

Do kam ins Wundern – »Davon haben Sie mir nie ein Wort gesagt.«

»Ich hatte es wohl selbst vergessen,« sagte Jockele. »Was hat man überhaupt mit siebzehn Jahren für Augen! Aber nun, da ich mit dem Grabscheit auf mich losgehauen habe …,« er blieb stehen und sah ihr lange und tief ins Herz … »warum haben mir Zorn und Zufall ein Ding in die Hände gespielt, mit dem man in die Erde wühlt, was tot ist? … Kommen Sie,« rief er und faßte sie an der Hand, »wir wollen jenen glückseligen grünen Waldjahren ein Opfer bringen – wir wollen pflanzenhaft und erdenselig sein, wie ich es damals gewesen bin mit Maria Reh!«