Allein – es kommen Stunden mit geschlossenen Händen und ahnungsreichen Augen. Die sehen aus wie Sommerhimmel oder wie eine Nacht voll Sterne. Und der Mensch fällt diesen Stunden in die Arme und läßt sich tragen in Seligkeit und absetzen an einer Wegstelle – dünke sie ihn nun ein Paradies oder eine Wüste. Die Menschen sagen dann: »Ich bin an diese Stelle verschlagen worden – es ist das Schicksal.« Do sagte: »Das ist ein Irrtum; denn Ihr habt nichts getan, was Euch vor diesem Verschlagen behütet hätte. Ihr schlieft, oder Ihr ließet Euch tragen mit geschlossenen Augen, weil Ihr Euch einer frohen Hoffnung hingabt. Wo sind die Tage, die man nicht anders hätte leben können, wenn man gewollt hätte?«

Sie hatte einmal im Kampf um ihre Ueberzeugung gegen einen Jenenser Universitätsprofessor gestanden, der dem jungen Viktor von Scheffel sehr ähnlich war, und den sie gut leiden mochte. Zu ihm sagte sie: »Das Schicksal eines Menschen wächst im Quadrate der Abnahme seines Willens.« Und weil dieser Herr jung und Jurist war, debattierte er mit lachender Losgelassenheit auf sie hin. Er sagte: »Ich sollte Offizier werden und trat in die Armee und hatte blöde Augen. Da mußte ich aus einer gesicherten Ueberlieferung meines Geschlechts heraus zur Wissenschaft. Schicksal! Nicht ich, nicht mein Wille – meine Augen waren daran schuld, daß ich den Krieg gegen Rußland und Frankreich nicht als Kommandeur des dreizehnten Armeekorps mitmachte.«

Es war eine Stunde gewaltiger Heiterkeit für Do; denn der gescheiterte General bewies ihr ihr Recht – »Sie haben sich einer bunten Hoffnung an die Schürze gehängt«, lachte sie, »und haben Ihre Tauglichkeit zum Offizier schlecht erwogen – das nennen Sie nun Schicksal! Aber ich will Ihnen helfen; Sie hätten sich das wirklich leichter machen können: ein Granatsplitter, der die Tücke des Feindes zertrümmern sollte, zertrümmerte den Himmel Ihres Auges – das kann Schicksal sein. Es muß nicht; denn nicht alles, das nicht in Ihrem Willen liegt, darf in diesen Kasten gebracht werden.«

Auch brünstig atmender Waldgrund, berauschend küssende Sonne, jubilierende Blumen und trällernde Bäche, und was alles über eine himmelgesegnete Hochwaldstunde hinwegblüht als Ahnung, Wunsch und Sinnenseligkeit, kann Schicksal werden.

Es lauert an allen Ecken und wird nicht erkannt. Es vermag sich im Raum einer Stunde zehntausendmal zu verwandeln.

Jo lief wieder auf eine Entdeckungsreise.

Doris Rinkhaus versank in das warme Moos und flatterte ihren Wünschen nach. Sie dachte: »Soll ich mit dem Schicksal ein bißchen Verstecken spielen?«

Ihr Herz hatte auf einmal ganz wunderliche Meinungen und Anschläge und redete mit ihr: »Die Gwendolin hat er geküßt, und die Husch hat er geküßt – was ist das für ein bleiches nebelhaftes Wesen! Wegen Minchen Herzlieb ist er sogar in ein fremdes Haus gedrungen, und mit der behäbigen Maria Reh hat er seine rosenrote Himmelfahrt gehabt. Am Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen – weil sie wußten, daß ich reich bin? Die Gwendolin hat einen Mund wie Feldmohn und hat lodernde Sinne … Minchen Herzlieb hat tirilierende Augen und hat die Seidenbluse und das Röckchen voll Frühling … Husch – na, Husch hat vielleicht die Seele einer Lilie, die sich als singende Sehnsucht über das närrische Herz eines Mannes tastet … und Maria Reh lag als das Rätsel Weib in betörender Sonne und in den lustigen Halmen des Wachtelweizens – vielleicht hat sie auch ein bißchen gelockt: ›Junge, lieber Junge, komm und rat' mich!‹«

So hatte Do ihre Gedanken in das Blühen und Singen des Frühsommermorgens hineingelassen und sah ihnen nach – »Vor mich aber hat er noch nicht einmal seine Augen hingestellt, damit sie sagten: Do, Du bist auch hübsch, und Du gefällst mir doch eigentlich sehr.« … Die Mädchen prickelten um seine vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. »Warum prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte wie vor Gwendolin – man würde sich ja wohl helfen können … Und wenn nicht? – Na …«