Sie legte sich lang ins Moos und fühlte die warmen Hände der Sonne über ihre schlanken Glieder streichen. Es war süß und wohltätig. Sie bedeckte ihr Gesicht mit dem Sommerhute, der einen Kranz von kleinen, bunten, sehr lustigen Blumen hatte, aber gar nicht lärmend war, und schloß die Augen.
So hörte sie Jakobus zurückkommen und ganz leise gehen.
Er setzte sich neben sie, und sie wußte genau, daß er nicht dachte, sie wäre eingeschlafen. Warum ließ er sie so ruhig weiterspinnen an dem langen Faden ihrer Erwartung – warum prickelte er nicht?
Die Augen unter dem Hute taten sich auf, und sie hatte sich über eine lange, schöne Strecke Lebens hingedacht – – Jakobus war da immer neben ihr gewesen und lächelte zurück auf die ferne Zeit seines jugendlichen Irrtums, in der er auf der Leiter geschwebt und die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte; denn danach hatte er in Jena die Naturwissenschaften studiert und hatte sich durch ein keckes gelehrtes Kunststück den Dr. phil. erworben.
Nun war ihr, als müßte sie ihm den wachen Traum erzählen. Sollte sie ein bißchen Schicksal spielen, das in Gestalt eines Traumes durch ihren Schlummer gezogen sei? Konnte sie nicht wirklich eingeschlafen sein unter dem trauten Schirme des Hutes und unter den Zärtlichkeiten der Sonne?
Aber das war ein plumpes Wagnis; denn lustig und schön war der Traum doch nur deswegen, weil er sie so heiß, heiß lieb hatte und weil sie geholfen, ihm den Weg zu bahnen zur Hochschule und darüber hinaus.
Doris Rinkhaus war keine von denen, die einem schimmernden Wunsche nachlaufen und mitten im Jauchzen den Boden unter den Füßen verlieren und um Hilfe rufen. Wenn sie sich jetzt aufrichtete und ihm den Traum erzählte – mochte er nun im Wachen oder im Schlummer zu ihr gekommen sein – dann geschah es ihr wohl, daß sie in ein Paar sehr blaue, sehr schöne und sehr wehmütige Augen sah, und daß Jockele die Achseln zog und sagte: »Der Gedanke ist hell wie ein Märztag und wie Doris Rinkhaus selber. Aber wenn ich den Willen hätte und die Kraft, nachzuholen, was ich zu diesem Ziele brauche – wo wäre das Geld?« Dann könnte sie lächeln und sagen: »Na, Sie guter, ahnungsloser Junge, reden Sie doch keine Dummheiten! Wenn ich Sie auf den Weg gesetzt habe, werde ich natürlich auch für das bißchen Geld sorgen …«
Es fiel nun wirklich eine tiefe Finsternis um sie, in der auch die klaren Sonnenbrünnlein, die durch das Flechtwerk des Hutes sickerten, ganz versiegt waren. Alles heimliche Glück war fort. Sie dachte den Traum zu Ende – aber nach dem Worte Geld erschütterte sie ein Herzbeben. Sie preßte den Hut fest auf ihr Gesicht und dachte: »Dann würde er vielleicht seine jubelnden Arme um mich werfen, oder er würde die wilde Art kriegen, in der er mit dem Grabscheit auf sich losschlug, und würde sagen: ›Wissen Sie, daß Sie sich damit den Jakobus Sinsheimer kaufen?‹« Seine jubelnden Arme oder dies kecke Wort – beides war in diesem Falle gleich gräßlich. Dieser letzte Gedanke schlug wild und häßlich durch sie hindurch. Sie richtete sich mit einem wilden Ruck empor –
»Was haben Sie da wieder zusammengetragen? Und warum rufen Sie mich nicht?«