Tante Veronika hatte gefaßt den Bericht von der wilden Stunde im Baumwinkel angehört, dazu die lange Geschichte, die vom Tartarus bis zum Berge der Seligkeiten reichte; und sie wäre noch gefaßter gewesen, wenn ihr das Reich der Kunst, in dem Jockele ein Bürger sein wollte, nicht nur aus ferner genießender Betrachtung bekannt geworden wäre.

Nun, als sie hinter der blauen Sommernacht und den sachte wehenden Vorhängen saßen, brachte Veronika wieder die Rede darauf. Es lag ihr daran, den Jungen glücklich zu sehen. Und Doris Rinkhaus ward ganz freudig in ihrem Bekenntnisse von dem Eifer, mit dem Jakobus in seinen Tagen gestanden hatte –

»Er ist weiter gekommen als alle, die gleichalterig mit ihm sind,« sagte sie, »aber ich halte es doch nicht für richtig, ihm nicht wenigstens einen anderen Weg zu zeigen. Dieser Weg ist nicht leichter und nicht schwerer, und doch scheint mir, als würde er durch die Wissenschaft, durch die Tore einer Universität hindurch zu reinerer Befriedigung gelangen, als sie ihm die Malerei jemals gewähren wird. Er hat ja darin gestanden, und er kann sich an jedem Tage zu ihr zurückfinden, wenn er zu der Erkenntnis kommt, daß es so am besten für ihn wäre.«

Doris Rinkhaus ging da auf einem Pfade, an dessen Seiten sie alles Gestrüpp längst fortgeräumt hatte, und schritt ganz in Klarheit und Freude.

»Er sollte die Naturwissenschaften studieren,« sagte sie, »und könnte damit vielleicht nach einem Jahre der Vorbereitung anfangen. Läßt er dies Jahr jetzt verstreichen oder eine noch längere Zeit, so verschlägt er sich alle anderen Straßen ins Leben.«

Sie erinnerte Tante Veronika an die äußeren Vorgänge, die ihn in die Akademie geführt hatten. Sie kannten auch beide seine Neigungen viel zu gut, als daß sie einander nicht mit gesteigerter Hellhörigkeit in die Herzen gelauscht hätten. Doris Rinkhaus ward leuchtend und umschien Tante Veronika als ein warmer Sommerhimmel.

Auf einmal schob sie den blauen Vorhang der Nacht zurück, kniete der alten Dame zu Füßen und legte ihr die Hände in den Schoß –

»Liebste Tante Veronika,« sagte sie, »schwören Sie mir, daß Sie ihm nichts von allem verraten, was ich Ihnen nun sage! Sie brauchen mir meinen Wunsch ja nicht zu erfüllen, aber schweigen müssen Sie; denn ich erbitte nichts für mich von Ihnen und von ihm!«

Da gelobte ihr Fräulein Sinsheimer, daß sie ihre Worte als unverbrüchliches Geheimnis bewahren wollte.

Und Do sagte: »Heißen Sie ihn diesen Weg gehen, und lassen Sie mich alle Kosten bestreiten! … Das ist es, wovon er nichts erfahren darf, bis ich es ihm selber sage – – Himmel, was ist mir dies Wort so schwer geworden!« sagte sie und atmete tief, »denn ich weiß, ich dränge mich damit in Sie hinein – Sie könnten auch meinen: ich dränge mich zwischen Sie und ihn. Aber nun, da es gesprochen ist, nun kann ich mir das Herz freireden! … Ich glaube, Jockele würde nicht glücklich werden als Maler. Ich habe ihn viel froher, ja ich habe ihn ganz verwandelt gesehen vor der Natur und in dem Eifer, der in diesen Tagen aus der andern Zeit über ihn gekommen ist. Ich denke mir die Sache so: schalten wir drei Jahre der Studien in sein junges Leben, so bereichern wir ihn, und er wird dieser Jahre gedenken als einer stolzen Zeit, auch wenn er zu der Erkenntnis käme, daß er im Reiche der Kunst ein König hätte werden können. Dann mag er alles wieder aufnehmen, was einst sein war; denn von dem einmal eroberten Felde verliert er keinen Fußbreit Erde; aber das neue Land müßte für ihn versinken, wenn Sie ihn nicht jetzt auf die Wege in dies Land leiten.«