»Na, zum Teufel, was haben Sie denn überhaupt für eine Vorbildung?«

»Ich habe meinen Armen Heinrich verkauft. Ich habe eine Gruppe aus dem Tartarus zerhauen. Ich kann die Klassen des Linnéschen Systems seit vier Jahren vor- und rückwärts aufsagen. Ich weiß etwas von den Wundern des Radiolarienschlammes und von den vier Klassen der Grundformen bei den Organismen. Ich weiß …«

Und der Mann an dem Tische sagte: »Damit können Sie sich allenfalls ein paar Kollegs – nicht ohne Nutzen für sich selbst – schinden, wenn Sie sehr viel Zeit haben. Aber keine noch so verliebte Thüringerwaldfreude ersetzt Ihnen die mangelnde Matura, junger Mann …«

Doris Rinkhaus und Tante Veronika aßen in frohem Zuhören darauf los. Auch Jockele kam über seinem neunzehnjährigen Appetit nicht dazu, dieses Selbstgespräch als prasselndes Feuerwerk steigen zu lassen. Er redete mit langen Unterbrechungen.

Seit seinem achtzehnten Auffindungstage nannte er sich mit Stolz neunzehnjährig, und er hatte sich seit seinem Hiersein oft von Tante Veronikas großem Schrankspiegel bestätigen lassen, daß sein hoher, geschlossener Aufbau mit gutem Recht Ansprüche auf Dreiundzwanzig geltend machen könnte. Er hatte sich auf dem Gang in den Tartarus ein Rasiermesser angeschafft, dem der Schnurrbart zwar noch bis auf weiteres zum Opfer fiel. Aber vor den Ohren hatte er sich kecke Kotelettchen stehen lassen, die ihm seine Mannhaftigkeit hinreichend bezeugten.

Dem jungen Zigeunertume, das immer ein bißchen ungewaschen daherschreitet, und das den Robespierrekragen und den in der Hand getragenen Hut sowie ein durch mancherlei Aeußerlichkeiten betontes Wesen als zur ›richtigen Genialität‹ gehörig betrachtete, war er geschmackvoll aus dem Wege gegangen.

Er huldigte von Tante Veronika her dem lästerlich zur Schau getragenen Glauben, daß ein zweimaliges Vollbad in der Woche dem Menschen genau so nötig wäre wie jedem Tage ein noch so bescheidenes warmes Essen.

Einmal hatte er sich in einem Ringe junger Maler zu der rauchenden Auflehnung verstiegen: es wäre eine brüchige Weisheit geworden: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, so will ich Dir sagen, wer Du bist‹ – es müßte heißen: ›Sage mir, wie oft Du badest, so will ich Dir sagen, was Du wirst‹. – Er hatte wenig Verständnis mit dieser unerhört rebellischen Anschauung gefunden.

Als er alle großen Steine mit Sorgfalt auf den Weg gefahren, erklärte ihm Do: sie hätte mit Tante Veronika vereinbart, den Sommer über im Frühlingshause zu wohnen; denn es liefen so viele und so glänzende Fäden aus dem älteren Herzen in das junge, daß sie eine sehr schöne und reiche Zeit vor den Toren des Waldes genießen wollte.

»Sie scheinen diesen Tag mit Neuigkeiten angefüllt zu haben bis zum Rande,« sagte Jockele und sah sie lange an.