Sie schlug herzhaft in die dargebotene Rechte; und wie er sich abwandte, rief sie ihm nach: »Auf gute Nachbarschaft – bis Sie sich selbst untreu werden!«

In die Akademie kam er in den folgenden Tagen nicht. Er war wieder einmal innerlich zerrissen. Sein Häuschen war bis unter das Dach voll von der anderen Zeit. Im Schuppen lag der zertrümmerte Berg der Seligkeiten – es waren Leinwandfetzen voll blutrotem Leuchten dabei, das er damals mit erschauernder Hand aus dem innersten Herzen Gottes heraus gemalt hatte.

Er wollte mit Gwendolin reden. Aber er suchte sie dann doch nicht. Warum auch? Daheim hatte er so selbstbewußte Worte gehabt, nun fastete er seine Seele durch eine verlorene Stille und wußte nicht, was das werden sollte.

Aber eines Tages saß er im Zuge nach Jena – es jährte sich nun, daß ihn Gwendolin so hart auf den Rand des Lebens aufgeklopft hatte – und eine Stunde später stand er im Zimmer Ernst Haeckels.

Es war die Stunde, von der er später nicht wußte, woher er den Mut genommen hatte, sie zu erleben.

Der greise Professor war nicht mehr im Amte. Er saß in seinem Lehnstuhl und schaute ihn aus seinen gütigen, hellen Augen an und ließ sich erzählen, wie es um diesen Jockele stand. Dann wurde ein Gespräch geführt, welches jenem nicht unähnlich war, das sich über dem Nachtmahl am Tische zu Ibenheim ereignet hatte.

Er sagte dem alten Herrn manches kluge und gute Wort – es muß verraten werden, daß er in diesen Tagen Goethes naturwissenschaftliche Schriften gelesen hatte und an Haeckels ›Kunstformen der Natur‹ betriebsam herangetreten war, damit er die Fahrt in das neue Land wohl ausgerüstet anträte.

Eine Stunde mit einem bedeutenden Menschen verbracht, bleibt lebendig bis an die Pforten des Todes. Eine Stunde, die das Licht eines großen Mannes durchstrahlt, wandelt sich für sehnsüchtige Hände zu einer Wunderlampe – Türen der Finsternis springen vor ihr auf und werden Glanz, Schlacken werden Brand und Steine fangen vor ihr an zu blühen …

Als er wieder auf der Straße stand, fand er den Erobererschritt aus der Gegend des Tartarus. Er fühlte Flügel, wo er die Arme trug, und es war wieder eine Fackel in seiner Hand – just wie damals, als er der Welt das neue Licht zu bringen hatte.