An diesem Abende saß er nicht über den Naturwissenschaften. Er schrieb einen Brief nach Ibenheim, der war stolz und mutig, aber er hütete sich doch vor Flügen, die ihm – so nahe dem Baumwinkel und den Trümmern des Berges der Seligkeiten – ihre Gefahren hatten. Doris Rinkhaus mit den sichtigen Augen würde diesen Brief auch lesen, und sie war Zeuge seines jammervollen Absturzes gewesen.

Darum wog er jedes Wort und setzte es hin, als verschriebe er dem anderen seine Seele: »Ich will nun doch nicht mit beiden Füßen in das tiefe Meer springen, das sich vor mir aufgetan hat. Ich sehe unter den Rändern des fernen Himmels einen Saum, der vielleicht nur eine Spiegelung der Luft ist, aber es kann auch eine neue Welt sein. Ich will ruhig meines Weges fahren … Es muß nicht die Matura sein, es geht auch mit dem Einjährigenzeugnis der Kunstschule, es geht zwar nur bis zur kleinen Matrikel – aber wenn dann der Maler den Studierenden der Naturwissenschaften nicht aus dem Felde geschlagen hat, wird es ja wohl auch weiter gehen. Im Oktober hol' ich mir die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst …«

Es war ein langer und klarer Brief, klar bis zur Schwunglosigkeit. Er verbarg das Glück an dem gefundenen Wege nicht, aber der Tartarus war zu nahe, und die vielen Pinsel in der alten Blumenvase mahnten zu einer höchst gemäßigten Begeisterung. –

Ein Mensch von tüchtiger Art gerät in Irrtümer und kann darüber mit sich und der Welt zerfallen; einem Windhund passiert das nicht; denn sein ganzes Leben ist ein Irrtum.

Es könnte einer sagen: dieser junge, gesunde und kluge Mensch – warum setzt er sich nicht ein Jahr hinter die Bücher und läßt sich testieren, was er gelernt hat? Es warten Tausende von jungen Leuten in der Welt auf ein Glück, wie es ihm in den Schoß fällt; aber er steht halb unentschlossen davor – es fehlt ihm der Trieb, und er ist zuletzt doch nur ein Blender.

Aber Jockele durchlebte in diesem Sommer einen wilden und bitteren Kampf mit sich selbst; denn es ward herrschend, was die Erziehung in sorgsam gehüteten Jungenjahren an ihm getan hatte. Nun zeigte man ihm ein neues Land der Verheißung und sagte: »Dies alles will ich Dir geben, wenn …« Und auf der anderen Seite stand Maria Reh, die ihn damals zu sich selbst geführt hatte, und kämpfte um ihn. Sie war verärgert und hatte der kunstbeflissenen Jugend erzählt, daß man ihn schiffbrüchig machen wollte.

So rissen die Tage an ihm herum, und er war froh, als die langen Sommerferien Ruhe brachten.

Er saß da ganz einsam im Baumwinkel am Horn, aber die Naturwissenschaften standen hoch oben auf dem Bücherregale; denn danach fragte man ihn in der Oktoberprüfung nicht. Es klangen auch die Worte Ernst Haeckels in ihm nach: er wisse so viel wie ein Student im dritten Semester. Das hatte er im Spiel mit Wald und Quell, mit Stein und Wiese gelernt. Er wußte nun auch, daß es im Grunde die Naturwissenschaften gewesen waren, die ihn zur Kunst geführt hatten. Seine Freude an Farben, Formen und Licht war eine Gegengabe der Natur, die er als Künstlerin belauscht hatte, und deren Kunsttrieben er in heimlicher Entdeckerlust nachgegangen war.

Doris Rinkhaus hatte ihm nicht geschrieben. Sie bedrängte Tante Veronika nicht, aber sie quälte sich doch an dem ruhevollen Zuwarten der alten Freundin, und die Frage trat groß und voll Rätsel vor sie hin: warum diese Begeisterungslosigkeit bei solch einem jungen Menschen, der mit Augen voll Wundern durch seinen Bergwald zog?

Es wurde so karg zwischen ihnen, daß erst um die Mitte des Septembers ein Brief kam, der von der Oktoberprüfung redete, und wie er wohlgerüstet hineinschritte. Er hätte auch viele Tage gemalt, und die Sorge um das Lernen, die zu Anfang groß gewesen, wäre ihm zuletzt ganz aus dem Sinne gekommen …