Das war der Brief, den er ihr schrieb – es war der erste, und sie sollte ihn finden, wenn sie je zurückkehrte. –
Danach zog er aus. Er übergab der Dienstfrau den Schlüssel und sagte: »Wenn ich wiederkäme, dann käm' ich wohl, um von neuem Maler zu werden.«
In Jena ging er zu Ernst Haeckel und ließ sich von ihm beraten, welche Vorlesungen er belegen sollte, und wurde Student. Er dachte nicht an die Matura – erst wollte er ein Stückchen hineinlaufen in die Wissenschaft.
Er mietete sich ein in einem nüchternen Hause der Stadt, aber er fand sich da nicht zu sich selber. Und um die Novembermitte, als er vier Wochen in Unbehagen in der steinernen Straße unter vermauertem Himmel gelebt hatte, jubilierte er in Flockentreiben und brüllendem Weststurm den Wall des alten Schießstands in Weimar entlang. Er konnte nicht durch die verschlossenen Schlüpfe im Zaun – da stieg er über und sprang hinein in den alten, einsamen Winkel, in dem noch die Dieme gespaltenen Holzes stand, der so wintertraurig und so voll von Leben war.
»Zigeuner!« jauchzte er und schlang seine Arme um den Stamm der Kastanie, in die er die Namen geschnitten. Er war Maler gewesen und war Student geworden, aber er hatte nicht leben gelernt in den steinernen Gassen; nun lief er ins Herrenhaus und jubelte die silberne Exzellenz an: »Lassen Sie mir mein Haus im Winkel wieder – ich kann nicht daheim werden unter fremden Menschen, nicht daheim werden in der anderen Stadt, nicht daheim werden in mir selber. Ich will an jedem Tage nach Jena reisen – was verficht's, ob ich dort wohne oder hier?«
Dann lebte er wieder an der alten Stätte und arbeitete sich in eine tiefe, ungeheure Freudigkeit hinein.
Es trat kein Mensch seine Stapfen in den Schnee und in die Einsamkeit, die um ihn waren.
Er wartete auf Doris Rinkhaus, aber sie kam nicht. Es wurde Frühling und Sommer.
In Stunden, in denen er die Naturwissenschaften vergessen durfte, suchte er Farben und Pinsel hervor und den grauen Malerkittel und malte den Garten von allen Ecken aus, er malte die Häuser – er malte sich Schätze der Erinnerung für die Zeit, in der dies sonnendurchschauerte Idyll doch endlich ein Märchen für ihn werden müßte. Er dachte an Do, für die er dies Bild bestimmte und jenes – und ob sie wohl einmal sagen würde, wenn sie seinen Namen darunter las: »Jakobus Sinsheimer – den hab' ich einst gekannt; wir waren damals beide jung!«
Doris Rinkhaus war den Frühling über in Bonn.