»Was meinst Du?« fragte Maria.

»Ich glaube gar nicht an den großen Schmerz,« sagte sie, »nein, ich kann es mir nicht denken!« Und es lag über ihren klugen Stirn und über ihrem leuchtenden Munde wie ein Märztag, den der Sturm blank geblasen hat. Sie sprach hart und klar: »Wenn ich mir überlege, meine Mutter hätte mich hilflos auf eine fremde Schwelle gesetzt und hätte sich nicht mehr um mich gekümmert, dann hätte sie ja gar keinen Anspruch auf meine Liebe …«

Danach erzählte Jockele die Geschichte zu Ende. Es kam ein fast wilder Mut in ihn, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, in das er nun hinausgestoßen war, ehe er daran gedacht hatte. Hinter jedem Worte stand sein kampfmutiges und kühnes junges Herz. Der blühende Märzenmund hatte zur Flamme geblasen, was Glut gewesen war …

»Man wird auch hier von dieser Geschichte reden; denn ich mag nicht immer um mich selbst herumlaufen wie der Fuchs um das Schlageisen, in dem er sich doch endlich fängt – nur sagen Sie es mir: wird man auch hier hinter mir herschreien und mich verachten, weil meine Mutter eine Zigeunerin war?«

»Ach Unsinn!« riefen die Mädchen wie aus einem Munde.

»Wenn Sie schon recht viel könnten, wären Sie mit einem Schlage berühmt!« Doris Rinkhaus fand alles ›rasend‹ interessant und warf die ›Donnerwetter‹ hinter ihre Worte als Ausrufezeichen. Manchmal wollten ihr Herz und Kopf davonlaufen, dann schlug sie sich übermütig vor den Mund und sagte: »Nur für Damen! Darüber will ich mit Maria reden, wenn wir allein sind!« Und Maria Reh faßte Jockele vorn an der Jacke und sagte: »Wissen Sie noch, wie weich und träumerisch und maigrün Sie um die Wachtelweizenblüte waren?«

Es flog ihm blutrot aus dem Herzen herauf – nun ja, auf dem Weg aus dem Sommerwalde durch den Bergwinter hatte auch viel Erkenntnis und Einsamkeit gelegen, dazu der Tag, in dem Tante Veronika sieben Meilensteine stehen sah! … Doris Rinkhaus sprang rettend dazwischen –

»Wie ich die Dinge beurteile,« sagte sie, »so müssen wir jetzt eine Bude für Sie suchen; denn hier geht das nicht, junger Mann!«

Jakobus Sinsheimer hätte am liebsten gesehen, wenn es hier gegangen wäre – nun jagten sie ihre Gedanken durch viele Straßen, und als nichts paßte, verfielen sie auf das Dienerhaus, das neben dem sehr kleinen Gartenhause stand und doch fast dreimal kleiner war als dieses. Weiß Gott, welcher Philosoph sich das einmal ins Grüne gedichtet hatte wie Vögel ihr Nest! Doris Rinkhaus sagte: es müsse ein ganz ungeheuer fröhlicher und gescheiter armer Mensch gewesen sein, und er sei über dem Gedanken sicher ins Singen geraten oder in ein welt- und himmelfröhliches Pfeifen.

Die Sache kam in Ordnung: Jakobus Sinsheimer, der angehende Kunstmaler, hatte zwei Stuben zu ebener Erde und über sich ein Dach. In der einen hatte mit knapper Not sein Bett Platz. Auf ein Atelier glaubte er aus vielerlei Gründen zunächst verzichten zu können. Er ließ sich also sein Gepäck herbefördern und fing an zu wohnen.