Auf der Akademie hörte er auch Kunstgeschichte bei einem alten Herrn, der einmal Pastor gewesen war. Am ersten Tag erschien ihm die Sache prächtig; denn er trat an die neue Welt heran mit dem selbstverständlichen Willen, sie in allen Stücken vollkommen zu finden. Später saß er in diesen Vorlesungen mit grausamer Selbstentäußerung und ließ ihre mitleidlose Langweile über sich zusammenschlagen. Auf Akt und Landschaft warf er sich mit der fröhlichen Kunst der Jugend zum Glücklichsein. Es war ein frisches Zugreifen und herzhaftes Vorwärtskommen, aber nicht ohne Eigenwilligkeiten, wegen derer es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen Lehrern kam. Wege suchen und Ziele finden, wenn es auch noch so mühsam war, machte ihn warm; der Regel und dem Schema stand er gefroren gegenüber. Um Menschen solcher Art bilden sich zweierlei Meinungen – die einen sagten: »Dieser Sinsheimer kann nichts und wird nichts!« Die anderen meinten: »Sinsheimer ist ein eigenwilliger Kopf, aber er ist aus dem Holze derer geschnitten, die durchkommen!«
Er hatte schon wenige Tage nach seiner Uebersiedlung viele Bekannte; denn ein Junge, dem Zigeunerblut in den Adern rollte und der berühmt war von dem Augenblick an, in dem ihn zum ersten Male die Sonne beschienen hatte – das war etwas! Dazu diese geschmeidigen Glieder, und dies Herz, voll bis zum Rande von der Kraft des Bergwalds, und die Augen voller Licht – »Donnerwetter!« schrieb Doris Rinkhaus hinter Jakob Sinsheimer. Nach vier Wochen wußte kaum einer mehr, daß er noch einen anderem Namen trüge als Jockele – und das kam ihm von Maria Reh.
In der Zeit zwischen März und Frühling geriet er in das Leben, das Doris Rinkhaus in der Klarheit, mit der sie alle Erscheinungen erfaßte, die ›Filiale von München-Schwabing‹ genannt hatte. Es ist ein Gemisch von Jugend, Sorglosigkeit, Uebermut, einem ganz geringen Zusatz ernster Arbeit und einem stärkeren von vermeintlicher Genialität. Zu den äußeren Kennzeichen rechnete Jockele, daß jeder, der in diesem Leben stand – sei es Jüngling oder Mädchen – die unverbrüchliche Verpflichtung eingegangen zu sein schien, in je fünf Minuten mindestens einmal die Worte genial, Genialität oder Genie zu gebrauchen. Darüber gelangte man zu der Annahme, die Genies wüchsen in der Welt wie gelber Löwenzahn, und binnen kurzem könnte sich die Erde nicht mehr vor ihnen retten.
Das war die Zeit, in der Jockele zu der peinlichen Erkenntnis kam, daß ein Monat zwanzig Tage länger sein kann als hundert Mark.
Ehe er dieses Maß nahm, hatte er sogar Geld ausgeliehen. Einmal machte er sich auf den Weg, die Schuld einzufordern. Da schloß ihn der Kunstschüler gerührt in die Arme und rief den Propheten Daniel zum Zeugen an, daß er alles bezahlen würde, wenn er berühmt wäre.
Mit diesem Troste zog Jakobus Sinsheimer seine Straße und war froh, daß er über den alten Schießstand unter den mächtigen Kastanienbäumen nach Hause gehen konnte, der hinter den Gartenzäunen langlief; denn er dachte, die Menschen müßten es ihm ansehen, daß er seit drei Tagen nur noch zwei rote Pfennige in der Tasche trüge. Weil der Magen gegen solche Behandlung knurrend Einspruch erhob, trat Jockele zuvor in den Hausgang einer Bäckerei und erstand für diese zwei Pfennig Weißbrot. Auf dem Walle des Schießstandes, um den Maienwind und Grün wirbelten, verschlang er die Semmel und sah dabei manchmal über die Gartenzäune, ob da wohl einer in sattem Wohlbefinden stand und ihn beobachte. Aber es war niemand da als der Frühling, und der hatte alle Hände voll zu tun; denn da warteten die tausendarmigen Leuchter der Kastanien und wollten angezündet sein.
Als Jakobus gerade den alten Wall hinabspazierte und durch die Schlüpfe des Gartenzauns in die grüngoldene Einsamkeit verschwinden wollte, setzte sich ein Mann im Gras auf. Ein stattlicher Herr mit einem blonden Vollbart und einer goldenen Brille. Unter seinen forschenden Blicken schritt Jockele auf die Pforte zu, und als er den Schlüssel hervorsuchte, erhob sich der andere und fragte: »Ah, Sie wohnen hier?«
»Zu dienen – in dem ganz kleinen Hause da.«
»Aha. Da sind Sie also der junge Maler Jakobus Sinsheimer. Ich heiße Fridolin Hartwig.«