»Oder Sie waren von unnahbarer Unzufriedenheit; dann haben Sie menschenfresserische Gelüste. Aber die soll man Ihnen gern lassen; denn auch damit hat es bei Ihnen seine Richtigkeit!« neckte Doris Rinkhaus.

So stiegen sie hinein in späte Aehrenfelder und Sommerlicht, und dieser Tag ward ein Meilenstein am Weg ihres Lebens, und sie wußten es nicht. Doris Rinkhaus hatte gedacht: »Ich will ihm alle Schatten hinweglachen,« aber nun, da sie erkannte, daß er in eifriger Arbeit an sich selber war, blieb sie bei ihm, wie er sie haben wollte. Einmal schritten sie zwischen hohem Hafer; es war ganz still, nur der Sang einer Sommerlerche war noch da und sehr viel Sonne. Da lachte Doris Rinkhaus und sagte: »Ich dachte daran, daß junge Männer in der Regel neben jungen Mädchen herlaufen wie Hunde, die ihnen die Zeit vertreiben; es sieht aus, als wollten sie immer etwas apportieren, was ihnen die Laune auf den Weg wirft; dann werden sie müde aneinander und langweilen sich heimwärts.« Sie wanderten danach ein Stück durch das Wäldchen, das das Webicht heißt – »Hoffmann von Fallersleben hat in den Erinnerungen aus seinem Leben manches hübsche dichterische Bild aus diesem Walde aufbewahrt,« sagte sie, »es müssen zu jener Zeit hier noch Schneeglöckchen gewachsen sein; denn er sagt einmal: ›Diese sprossenden Frühlingskinder strecken im Webicht dem besiegten Winter schon die Zünglein heraus.‹ Und Musäus hat auf seinen Gängen hier Märchen blühen sehen …«

»Das wissen Sie alles?«

»Hm,« sagte sie, »ich bin in diesen zwei Jahren ja fast stets allein mit mir selber gewesen, da hab' ich mir dann immer einen Dichter zur Begleitung gebeten.«

»Und wollen Sie nun alle diese Schätze für mich aufbauen?«

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so oft und so viel Sie wollen.«

Sie kamen nach Tiefurt und gingen durch das alte Schloß, das einst ein Bauernhaus gewesen ist, und gelangten in schauerndem Erleben hinein in die Tage, da sich in diesen Räumen der Teekreis mit Goethe, Herder und Wieland, mit Anna Amalia, der Göchhausen und Corona Schröter bildete, der zu einem Zauberringe geworden ist, in dem Lust, Genie und Freundschaft vermoderter Zeiten neu werden jedem sehenden Auge und sich hinüberleben aus einem Jahrhundert in das andere.

Es war um diese Mittagszeit niemand auf den Wegen des Parks, auf denen sonst die Allzuvielen dahinwandeln in der Ahnungslosigkeit ihres Schauens und meinen, was sie mit ihren Augen sehen, das wäre es. Aber Weimar – das Unsichtbare – ist tiefe, tiefe Ewigkeit, und Ewigkeit ist lebendig, und darum ist Weimar die Seele Deutschlands. Vielleicht ist es die Seele der Welt.

»Ich bin einmal durchgelaufen, wie die Neugier hier durchläuft,« sagte Jakobus, »und ich habe damals einige Scherze Goethes gesehen, wie sie die Neugier sich ansieht.«

»Dachten Sie dabei nicht, was es wäre, das selbst diese Scherze auf die Schwelle der Unsterblichkeit versetzt hat?« fragte sie.