»Nein,« sagte er, »ich hatte damals noch nicht gelernt, vor dem Ewigen zu erschauern; denn ich dachte, es gäbe keine Rede, die nicht mit den Ohren zu hören wäre. Aber vorhin, als ich Sie ganz vergessen hatte, wie wir so zwischen dem kleinen Gartentempel der Anna Amalia und dem Ufer der Ilm dahinschritten – vorhin hab' ich einer Aufführung der ›Fischerin‹ beigewohnt – ich danke Ihnen viele tausend Mal, Fräulein Rinkhaus!«

Da machte sie wieder ihre Siegeraugen und sagte: »Kommen Sie, jetzt müssen wir zu Tisch.« Sie waren auch da allein und so voll freudiger Weihe, daß Doris Rinkhaus den Platz mit ihm wechselte. »Sie müssen in den Gutshof gucken,« sagte sie, »sonst kommen Sie mir abhanden. – So haben Sie heute also doch noch den Namen Goethes leuchten sehen, den der Genius an jenem Abend in die Wolken schrieb und um den Minerva ihre Kränze flocht – ob man damals ahnte, daß er für Deutschland ein Flammenzeichen würde? Es war ein Spiel und hieß ›Minervens Geburt, Leben und Taten‹. – Seckendorff hatte Reime und Musik geschrieben und Karl August stellte den Vulkan dar.« Doris Rinkhaus sprach das alles von der Pforte der Unsterblichkeit herüber, das Herz leuchtete ihr dabei in die Augen. Aber so oft sie merkte, daß sie über ihn hinwegwuchs, pflanzte sie ein Wort fröhlichen Mutwillens daneben … »Hätschelhans!« sagte sie jetzt – »so hat die Herzogin Anna Amalia in einem Brief an seine Mutter Goethen genannt, als sie ihr berichtete, daß das Tiefurter Journal immer noch in Blüte stehe. Vielleicht ist ihr der Gedanke, es zu gründen, an dieser Stelle eingefallen … Jawohl, Hätschelhans – ich bin Ihnen nicht einmal diesen Schnipp mit Daumen und Zeigefinger schuldig, und tue doch gerade, als wär' ich dazu auf die Welt gekommen, Sie weise zu machen. Was gehen Sie mich eigentlich an? … Hätschelhans ist eine feine Bezeichnung für Sie … Erst das Fräulein Sinsheimer, dann das Zinzilein, dann die Doris Rinkhaus, dann … und dann … na, und dann … Die Gurke ist einfach erhaben die müssen Sie probieren!« Dabei schaute sie sich aber schon wieder in ihr Herz: »Vielleicht bin ich Ihnen doch etwas schuldig geworden,« und legte gleich einen neuen Pfeil auf, den wollte sie verschießen, wenn er sich einfallen ließ, zu fragen, was das heißen solle. Aber er fragte nicht, sondern sagte: »Wohin gehen wir morgen?« – »Auf die Entdeckung Weimars!« lachte sie. Und weil sie nun lustig waren, sagte er: »Mit Ihnen wag' ich mich auch nach Ibenheim.«

Abends saß er allein auf der Wildenbruchbank, die am Ende des Walles vom alten Schießstande steht, und sah den Tag über dem Silberblick in sein blutrotes Sterben sinken und erkannte, daß er das nun ganz anders sah als damals, da er mit seiner neuentdeckten Seele aus dem ›Laboratorium‹ in die Gefilde Walhalls flog. Da wuchtete, meermäßig, aber unverstürmt, eine korpulente Dame den Wall daher, den Panama romantisch aufgestülpt … »Die sieht stets aus, als regnete es,« dachte er und lachte so in sich hinein; denn es fiel ihm ein, daß er sich bei ihrem Anblick immer auf dem gleichen Gedanken ertappte. Er kannte sie nicht. Sie redete mit ihm, und ihre Stimme und ihre Worte waren auf einem behaglichen Selbstbewußtsein erbaut … »Was wissen Sie von Wildenbruch?« fragte sie im Laufe der Unterhaltung. Diese Frage fiel ihn ein bißchen an, aber er hatte eine Erleuchtung und sagte: »Daß er dem deutschen Volke zwanzig Jahre zu früh gestorben ist.«

Diesen langen Sommertag hindurch hatte das Leben an ihm herumgefragt – zuerst: Was wissen Sie von den Menschen? Was wissen Sie von Goethe, Herder, Wieland, was von Weimar und was von Wildenbruch? Er ging noch einmal unter den Fenstern des Gartenhauses vorüber, zu sehen, ob Do noch in der Weinlaube säße. Da rief sie von oben: »Was treiben Sie denn da, Jo?« – »Ich ästimiere mein Gehirn für die Wüste Sahara,« sagte er. – »Da suchen Sie gleich mal nach einer Oase!« – »Die einzige, die da ist, hab' ich schon gefunden,« sagte er aus unverhohlener Bitternis, »sie ist voll von Versteinerungen, Kräutern, Moosen und Schmetterlingen, wie sie in Ibenheim im Thüringer Walde wachsen. Aber lassen Sie mir doch eine Kerze und ein Stück Wildenbruch an einem Faden herunter – ich will mich bilden!«

Nicht lange danach pendelte ein Pack durch die sammetweiche Dunkelheit, und Do's Augen leuchteten ihr Vergnügen darauf hernieder. »Es sind die Gedichte, und es ist die ›Rabensteinerin‹,« sagte sie. »Sie sollen nicht gleich in die Königsdramen springen, und die Romane dürfen Sie sich ganz schenken.« Weil der Faden nicht lang genug war und der Pack vor der Mitte des Fensters in neckische Schwingungen geriet, mußte Jockele ein paarmal danach springen. Da scherzte Doris Rinkhaus: »Sehen Sie, jetzt malen Sie nicht und haben doch eine Illustration geliefert: ›Jakobus Sinsheimer und die deutsche Dichtung‹.«

Sie hatten über dem Mittagsmahle von Tiefurt beschlossen, sich der Kürze halber Do und Jo zu nennen. Das Fenster ging wieder zu. Fräulein Rinkhaus ließ sich nie auf abendliche Gartengespräche mit ihm ein, und auf geflüstertes Fensterln nun mal gar nicht. Seit sie allein war, rückte sie mit Eintritt der Dämmerung für Jakobus in befremdende Fernen.

Aber nun setzte er sich doch in Dos Weinlaube, träufelte Stearin auf die Tischplatte, stellt die Kerze hinein und las sich über der ›Rabensteinerin‹ ein fliegendes Herz. Manchmal stolperte er und rückte mit dem Schnitt des Buches ganz dicht unter das Licht … »Es liegen Feldsteine in dieser Sprache,« dachte er und wunderte sich über diese holprige Absichtlichkeit und konnte sie sich nicht erklären. Als er das Buch zugeklappt hatte, griff er nach den Gedichten – es war nur noch ein winziger Stumpf Stearin da – und fand das ›Hexenlied‹ und ließ die heißen leuchtenden Verse über sich kommen wie ein Gewitter, das auf dürstende Sommerwiesen fällt. Und wie ein Gebet. Er fühlte das Blut schäumen in seinen Adern und hielt den Band in den Händen, daß er in den Heften knarrte, und seine Sinne gerieten darüber in eine heilige Not. Er atmete über die Seiten wie heiße Nacht und las laut in die dunkelblaue Einsamkeit und wußte es nicht. Da fiel der Docht in den flüssigen Talg, und er ließ sich von der Benzinflamme seiner Feuermaschine leuchten.

Doris Rinkhaus, die schon im Bett gewesen war, öffnete droben ganz leise das Fenster und hörte, daß er mit sich allein sprach. Dann versickerte auch das kleine Licht, da lief er in das Gras unter den Bäumen und wunderte sich, daß nun doch gar kein Sturm in den Kronen flog. Die Sterne hingen darin, und aus dem Herrenhause zog weich und sehnsüchtig das Spiel einer Geige. Er wußte von Do: es war eine Frauenhand, die diese Fülle klarer Schönheit aus den Saiten strich, und die silberne Exzellenz saß am Flügel und begleitete. Verspätete Leuchtkäfer zogen zwischen den klingenden Bändern der Geige ihre goldene Bahn.