Als alles in dunkelblaue Finsternis versickert war, dachte er: »Ich weiß auch von Klavier und Geige nicht mehr, als daß sie da sind. Sahara! Sie sagen: die Zigeuner geigen sich aus dem Mutterleib hinein in ihr Leben, und ihr Herz ist ein Saitenspiel, das zu klingen beginnt, wenn man es in Wind oder Sonne stellt … Warum hab ich nicht solch ein Herz? … Oha,« lachte er ingrimmig – »wenn das Mädchen Mali in der Sandkuhle zu singen anhub, da war es, als probiere sie einen Kieselstein auf einem Reibeisen, und das nannte sie dann Musik. Darüber ist alles, was in mir klingen konnte, zuschanden gesungen worden.«
Auf einmal stand im Fenster des Gartenhauses ein Licht und war, als ob es ihn riefe.
Da ging er hin. Aber der blaue Vorhang war fest geschlossen, es war der Schein einer Laterne, der sich durch die Hecke und das weite Dunkel des Gartens gefunden hatte und sich nun im Fenster brach.
Es war aber ein wilder Wille in ihm, Doris Rinkhaus in dieser Stunde bei sich zu haben – wenn sie jetzt da wäre, würde er ihr alle Türen seines Herzens aufreißen, und es müßten brausende Ströme von Gold über sie schießen … Morgen früh? Ach, morgen früh ist das schöne wilde Feuer darnieder!
Da lief er an den Schuppen, nahm die Leiter herab, und lehnte sie an die Mauer unter Dos Fenster und stieg empor. Das Feuerzeug raffte sich noch auf zu einem halbverlorenen Flämmlein – er schrieb auf ein Stück Papier:
»Do – wenn Sie wüßten, wie ich brenne, Sie könnten nicht schlafen! Ich bin voll Licht wie blühende Kastanien im Frühling – nein: ich bin voller Sterne wie die Sommernacht, der der Mond aus den Händen gefallen ist.«
Dann steckte er den Zettel mit zwei Nadeln an den Rahmen, damit sie ihn lesen mußte, wenn sie morgens den Vorhang aufzog. Er kletterte die Leiter wieder hinab und wunderte sich, daß er nicht sprang.
Früh war er aber doch noch voll nachzitternder Erinnerungen und kam sich nicht entfernt vor wie eine Brandstätte.
Er hatte vor dem Gange mit Doris Rinkhaus noch ein paar Besorgungen in der Stadt machen wollen, und weil es ein Markttag war, war die Luft in der Nähe der Sternbrücke auch schon voll von Umgegend, und das andere Leben plätscherte bis über die Ilm. Als er die Straße Am Horn herabkam, sah er an der Quelle, die in sanftem Wall den Spiegel des flachen Beckens zerbricht, den Musikstudierenden Erich Meyer. Er hatte ihn gleich in den ersten Wochen seines Weimarer Aufenthaltes kennen gelernt; er war der ärmste aller Akademiker, ein vorgeschrittenes Semester und von durchschnittlichem Talente. Von diesen dreien sind Armut und mäßiges Alter hinwegzusingen oder zu vergeigen, aber das Teufelsgeschenk einer Durchschnittsbegabung kann es fertigbringen, den Betroffenen um Leben, Ehr' und Seligkeit zu betrügen. Zu allem besaß Erich Meyer noch ein Herz von Gold in kaum je dagewesener Echtheit. So war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite hin fast lebensgefährlich.
Als Jakobus Sinsheimer ihn da unten in sinnender Betrachtung entdeckt hatte, sprang er gleich den Hang hinab und setzte über die Leutra und erfuhr, daß Erich Meyer in dieser Zeit aus irgendeinem Weltwinkel ein bescheidenes Stipendium erhalten hatte – dreihundert Mark, die ihm von einer mitleidigen Fürsprache unter dreifachem Hinweis auf seine Entsagungs- und Gemütskraft ausgewirkt worden waren. Nun stand Erich Meyer mit dem goldenen Herzen zwischen Sphinx und Brunnen, und Jockele sagte zu ihm: »Sie sehen aus, als setzten Sie flackerndes Sonnenlicht im Spiele mit den Wassern in Töne um!«