»Fällt mir ja gar nicht ein,« lachte der blonde Erich, »sondern ich freute mich gerade darüber, daß ich über jene dreihundert Mark mit einer Genialität verfügt habe, die mir die Frage nahelegt, ob ich nicht doch noch umsattele und mich dem Bankfache widme.«

»Es wäre zu erwägen,« sagte Jockele mit komischem Ernst.

Darüber spähten sie nach dem Wege aus, den sie nehmen wollten, und kamen ins Wippen. Der lange Meyer wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen, stracken, blonden Haare über dem Rockkragen von links und rechts. Meyer hatte einmal eine unmöblierte Stube bei Hartwig innegehabt und besaß außer einem Bett und dem, was er auf dem Leibe trug, kaum etwas. Eine leere Kiste, von der er behauptete, er brauche sie zu Umzügen, benutzte er als Tisch, und einen Stuhl hatte er nicht. Sie gingen an der Ilm entlang und über die Kegelbrücke zur Stadt. In dem Brückenhäuschen, um das immerwährendes Rauschen des Wassers und der Bäume ist, hatte er eine Stube ermietet, und die fünf hellhaarigen Mädel des Brückenmannes waren seine treuen Gesellen durch die Mühsal seiner Tage, von der er aber keine richtige Ahnung hatte. Die älteste bereitete er für die Musikschule vor, natürlich umsonst, und war nun in eine Gesprächigkeit verfallen, die seinem Wesen ganz fremd war. Er sagte, er hätte in diesen Tagen alle seine Rechnungen beglichen, auch die des Schneiders, und das Mittagessen hatte er sogar auf sechs Wochen im voraus bezahlt. Das war die Hauptursache seines hochgehenden Glücks. »Und jetzt hab' ich noch zehn Mark und gehe, einen Stuhl zu erstehen! So wird meine Einrichtung allmählich komplett, und es wird ganz unbeschreiblich wohnlich werden. Kommen Sie, helfen Sie mir beim Einkauf!«

Als sie aus der Vorwerksgasse auf den Herderplatz schritten, kreuzte eine Frau mit versorgtem Gesicht ihren Weg. Es war Therese Hartwig. Niedergegangenes Weinen hatte Gräben um ihren Mund gewaschen, und was in diesem Gesicht vor Jahren in Blüte gestanden, war von den Gewittern des Lebens zerschlagen. Es war alles hausmachen an ihr. Sie fing gleich an, ihr Klagelied zu singen; denn sie hatte sich Erich Meyer schon in besseren Tagen anvertraut, und sein Herz geriet darüber in mitleidvolles Schwingen. Als sie durch die Rittergasse auf den stillen Zeughof gekommen waren, läutete es so feierlich, daß er in die rechte Westentasche griff und darin etwas losmachte. »Es fällt mir eben ein,« sagte er – »Fridolin Hartwig hat mir vor langer Zeit zehn Mark geliehen. Ich konnte ihm das Geld nicht zurückgeben. So nehmen Sie es als seine Hinterlassenschaft.« Als sie wieder allein waren, sagte Meyer: »Alle diese Leute haben kein Geschick zum Glücklichsein. Erst ist sie die Frau eines anderen gewesen und hat Kinder gehabt. Dann ist sie jenem mit Fridolin Hartwig davongelaufen – und nun hat ihr der Mann auch diese Kinder genommen und hat sie sitzen lassen.«

Jockele aber sagte: »Ich denke, Sie haben weiter gar nichts besessen als diese zehn Mark?«

»Natürlich nicht.«

»Und am Ende sind sie jenem Hartwig gar nichts schuldig geworden?«

»Ach Unsinn! Niemals einen Pfennig! Aber die Frau ist damals doch immer so freundlich zu mir gewesen, und solch eine tiefe Not kann ich nicht mitansehen.«

»Den Plan mit dem Finanzminister geben Sie mal auf,« sagte Jockele, »ich glaube, Sie passen nicht recht für einen solchen Posten. Was soll denn nun mit Ihnen werden?«