Ob Gwendolin auch wie Do nach Hause drängen würde, wenn die sachten Netze der Nacht fielen? Und ob ihre Augen auch Sterne würden, die immer als die ersten in der Nacht stünden wie die Augen Dos? Und ob ihre Stimme dann weicher würde und so sehnsüchtig, wie Dos Stimme einmal gewesen war, nur ein einziges Mal? Und ob sie wieder das Kleid mit den winden Rosen trüge? Auf einmal summte er das Heideröslein grausam unmusikalisch vor sich hin und kam auf den Anger und war enttäuscht, weil sie noch nicht da war.
Natürlich war sie noch nicht da; denn die Hälfte der Blumenwiese lag noch im Schatten. Ein paar Samenfahnen der ersten Weidenröschen schwebten als weiße, stille Flugzeuge vorüber.
Er stellte seine Staffelei aber nicht auf; denn er wollte Gwendolin ihren Platz zuerst wählen lassen. Da setzte er sich an den Waldgrund und las in den Gedichten. Er geriet wieder an das Hexenlied, und sein Herz blühte daran auf wie in der anderen Nacht.
Gwendolin kam mit den Schmetterlingen; sie hatte das Wildrosenkleid an und trug den Sonnenhut von gestern, und sah gerade so brünett und heiß aus wie gestern – so an der Sonnenseite gewachsen. Aber sie redete genau so morgenkühl wie Do und fragte, ob er sich etwas zu essen mitgebracht hätte.
»Nein. Ich dachte, wir äßen gemeinsam im Dorfe.«
»Wahrscheinlich kommen wir vor drei Uhr nicht dazu – es ist um Mittag so köstlich und leuchtend hier, daß einem das Ultramarin von der Palette läuft. Aber jetzt los!« sagte sie. Da ging es ans Malen. Es hing eine Waldstille ringsum, daß man die Pinsel streichen hörte, und der Himmel war über die Wipfel gestülpt wie eine Glocke aus blauem Glas, durch die die Welt von draußen hereinschauen mochte, wenn sie Lust hatte.
Da vergaßen sie, daß sie zwei junge Menschen waren, die sich beim ersten Sehen gefallen hatten, und schwiegen sich in eine tiefe Farbenfreude hinein und sagten sich bei drei Stunden kein Wort und hatten kaum einmal einen Blick. Anfangs dachte Jakobus: »Ich spiele da ein gefährliches Spiel mit mir selber. Es ist sehr ungeschickt gewesen, daß ich mich einem Vergleiche ausgesetzt habe, dem ich doch nicht standhalten kann.« Dann vergaß er auch das und vergaß, daß er in klingenden Farben alles so breit und voll hinstreichen wollte, wie er es gestern bei ihr gesehen hatte. Er malte, wie es ihm die Stunde gab, aus der strahlenden Beschwingtheit seiner Seele heraus, die dunkelrot vom Scheine des Feuers aus dem Hexenlied überglüht war. Sie hatten sich alle Neugier verbeten, hörten die Mittagsglocke aus dem Dorfe läuten, sahen, wie die Luft flimmrig wurde, als tropfe flüssiges Silber hindurch, und schwiegen.
Einmal legte Gwendolin die Palette in den Kasten und warf den Deckel zu und trat mit einem Pack raschelnder Papiere in den Schatten des Waldes. Als ihr Jakobus nachging, sagte sie: »Wenn sie nicht essen müssen, so arbeiten Sie. Ich lasse für Sie genug übrig. Natürlich habe ich gewußt, daß Sie auf alles vergessen, was der Mensch außer Pinsel und Farben nötig hat!« Dieses ›auf alles vergessen‹ klang österreichisch lustig in ihn hinein; es war viel Sonne in ihrer Stimme. Und er sagte: »Ich freue mich auf die Stunde, in der wir fertig sind; dann will ich Sie immer reden hören.«
»Ich bin fertig,« lachte sie. Da sprang er auf und lief zu ihrer Staffelei … »Es ist ein grausames Bild,« sagte er; »es ist herrisch, und es kann dagegen kein anderes aufkommen. Aber es ist doch königlich.«
»Nun ja, es ist königlich. Sie mögen es immer so nennen. Wenn Sie mich einmal nicht leiden mögen, sagen Sie: es ist Theater! Dieses Wort hat mir die Freude an den Farben verdorben. Aber was kann ich dafür, daß sie mir so in die Augen stürzen, wohin ich sehe?«