Da faßte er in ihr lose geschlungenes Haar und ergriff ihren roten, roten Mund mit den Zähnen – der Vorhang im Tempel zerriß, und sie fanden sich mit geschlossenen Augen in das Allerheiligste des Lebens.
Dann fing sie an, den pressenden Armen zu trotzen, und wand sich über ihm und bekam ihre Lippen los aus der schmerzenden heißen Verheißung seines Mundes. »Du bist zu wild!« sagte sie.
»Ich habe zu lange gedürstet! Warum bist Du so heiß und schön geworden – nun mußt Du das leiden.«
Da litt sie es. Sie küßten sich drei Meilen tief hinein in die kobaltblaue Spätsommernacht, und als einmal die Dorfuhr über die Sternenstraße rief, war den Glocken anzumerken, daß sie noch ganz allein wach wären. Im Walde lag eine schwere Finsternis. Da tasteten sie sich hindurch, und als sie vor dem kleinen Hause standen, in dem Gwendolin wohnte, wartete die Frau des Arbeiters drinnen bei dem Licht. Gwendolin fing an, sich das Haar noch einmal zu stecken, aber weil sie in der mitternächtigen Dunkelheit unter Küssen und Zwetschenbäumen doch nicht damit zurechtkam, sagte sie: »Es ist mir ganz egal! Doch morgen mußt Du warten, bis ich komme und Dich hole.«
Der Hausknecht ließ ihn ein, und er fiel gleich in einen abgrundtiefen Schlaf. Aber früh ärgerte er sich, daß er nicht mehr an Gwendolin gedacht hatte, und die Nüchternheit des fremden Zimmers verstimmte ihn. Gwendolin kam, als er drunten im Garten beim Morgenkaffee saß; ein Fink war auf seinen Tisch geflogen und pickte die Krumen auf.
Am vierten Tage malten sie wieder, und am vierten Tage kam Doris Rinkhaus. Sie hatte vormittags den Wald nach ihnen durchsucht, sagte das aber nicht, sondern spazierte zur Essenszeit wie von ungefähr durch den Garten des Gasthofs und setzte sich zu ihnen. Sie merkte den großen Wandel an Jakobus, aber sie war unbefangen und klug und klar wie der Tag. Deshalb ging er am Spätnachmittag mit ihr heim, aber das Malzeug ließ er bei Gwendolin. Sie machten einen weiten Umweg über das Rödchen und gelangten auf abgeernteten Feldern zu der großen Eiche, die im Webicht, nahe dem Goethe-Schiller-Archiv, steht. Es war schon Abend geworden. Doris hatte es auf dem langen Gange vermieden, an sein Verhältnis zu Gwendolin zu rühren. Sie hatten von der Sendung der Tante Veronika zu reden gehabt, die inzwischen für Jockele eingetroffen war – »Die freundliche alte Dame überschüttet Sie in der Tat mit einer ganz unverdienten Güte –« sagte sie … und da war der Stein durch das sorglich gehütete Fenster geflogen!
Er faßte ihre Worte gleich fest an: »Wenn Sie damit auf Gwendolin zielen, so finde ich das unbeschreiblich komisch: erst haben Sie mich auf sie losgelassen, und jetzt drohen Sie mir gouvernantenhaft mit dem Finger und spielen würdig die Mama gegen mich aus! Do, Do, fühlen Sie wirklich nicht, daß Sie da nach einer Rolle gegriffen haben, die Ihnen ganz und gar nicht auf den Leib geschrieben ist?«
Jawohl, sie fühlte das und pries ihre Klugheit, die sie damit hatte warten lassen, bis die Nacht um sie hing. Das Buschwerk zu beiden Seiten des Weges von der großen Eiche herauf half bei der gütigen Finsternis.
Darüber fand sie den gewohnten Ton wieder – »So ist das gar nicht gemeint gewesen. Ich hätte wohl besser gesagt: Sie sind sehr keck geworden in diesen vier Tagen.« Sie suchte nach einer Schlüpfe, durch die sie in ihn hinein kommen konnte; der lange Weg, den sie berechnend gewählt, hatte ihn zu keinem Verrat an sich selbst geführt. Wollte er Gwendolin schonen? War er wieder in eine rosenrote Anbetung versunken wie damals vor Maria Reh, die noch heute lustig davon berichtete? … Sie fing also an zu klopfen. – »Ich meine, Sie gehen so aufgeblüht daher! So jungmänniglich, tapfer und weltumarmend!«