Als er allen Unrat hinausgetragen hatte in den Schuppen, schloß er die Schubfächer des Schrankes auf und fand darin Vorhänge für drei Fenster, und in dem Kleiderschrank die drei Leisten dazu – es war auch ein Kästchen mit Stecknadeln darangebunden; als er das erkannte, schauerte ihm die ferne sorgende Liebe durchs Herz, daß ihm ganz bange wurde.

Er wäre nun am liebsten zu Do geflogen und hätte mit allen Glocken Frieden geläutet – nein, diesmal sollte sie gewiß nicht triumphieren! Wenn sie ihm jetzt ihre Siegeraugen gemacht hätte, jetzt hätte er sie gerne ertragen; aber am Ende sagte sie: »Lassen Sie sich das nur von Gwendolin machen.«

Da überlegte er sich, wie Mali dabei zu Werke gegangen war, damals, als er ihr die Stecknadeln gereicht hatte.

Er drehte eine der Leisten ein paarmal in den Händen und gewahrte die Bänder, die da angenagelt waren. Dann pfiff er seine Entdeckerfreude sachte vor sich hin und kam auch mit den Vorhängen zustande.

So ordnete sich jedes Ding an seinen Platz. Es war alles durch viele Jahre in einer schönen Sonne gewesen – das ganze kleine Haus schien sich nun daran heimlich voll Gold bis zum Rande. Tante Veronika hatte ihm auch eine Erhöhung des Monatsgehalts von zehn Mark gewährt, dafür sollte er eine Frau bezahlen, die ihm die Wohnung säuberte. Ueber allem hatte er sich wieder zu sich selber gefunden, und weil er den Ueberschuß an Seligkeit merkte, packte er ihn in einen Brief und schickte ihn nach Ibenheim.

Da war der erste Tag nach der Mobilmachung herum, und als sein Verglimmen durch die neuen Vorhänge sickerte, gab er sich der Wohligkeit des Daheimseins hin. Es war, als legte die sorgte alte Tante Veronika ihre reinen Hände an seine Wangen und sagte wie einst: »Mein braver, lieber Junge.« Er saß zum ersten Mal bei der abendlichen Lampe in dem kleinen Haus; die warf die goldenen Fächer ihres Lichts über die bunte Tischdecke, und aus dem Bücherschranke blinzelten ihn die Aufschriften der Bücherrücken so traulich an wie in der anderen Zeit. Veronika hatte ihm alles geschickt, was sie an gedruckter Weisheit besaß – die zweihundert Bände umfaßten die Welt; und es lag in der Uebergabe dieses Schatzes eine rührende Erklärung der Liebe …

Wie ihm Fridolin Hartwig in den Weg gelaufen war, und wie dessen großsprecherische Schwächlichkeit strandete an einer Insel der Weltflucht, hatte er dies als ein Erlebnis erkannt; die Nacht im Jägerhaus am Hörselberg stand in seiner Jugend als eine bunte Lichtkugel, nach der er gern einmal zurückschaute, denn sie leuchtete noch immer; das Glück von Ettersburg war ein kristallener Becher, von dem er meinte, er wäre reich genug, sein ganzes Leben mit Glanz zu erfüllen … So standen viele Tage in der vergangenen Zeit, von denen er sagte: ich werde sie immer sehen. Aber dies Heute, in dem ein Stück seiner waldherrlichen Knabenzeit sich wieder zu ihm gefunden hatte – dies Heute erkannte er nicht. Es war für ihn eine liebe freundliche Begegnung von jener lächelnden Innigkeit, die ihn über dem Kommen Tante Veronikas berührte, als der gelbe Krückstock neben dem blauen Morgenkleide den breiten Gartenweg daherspaziert war. Und doch war dieser Tag eine Weiche, über die das Leben Jakobus Sinsheimers auf das Geleise lief, das er sich selbst in Spiel und Ernst seiner Frühlingsjahre gelegt hatte. Und er wußte es nicht; denn die Sinne der Jugend sind vorwitzig: sie sehen den Schaum als Trank, sie fühlen den Rausch als Glück, sie schmecken die Erde als Himmel, sie halten Dasein für Ewigkeit.

Am nächsten Morgen spazierte er sehr früh nach Ettersburg, äußerlich angetan wie ein junger Kavalier. Er wollte an diesem Tage nicht malen, aber er wollte sich auch gegen zigeunermäßiges Waldstreifen verwahren. Zudem war es am Anfange des Monats, und hundert Mark im Portemonnaie geben einem jungen Menschen Haltung.

Am Häuschen Gwendolins erfuhr er, sie habe Besuch, und die Herrschaften seien wahrscheinlich im Baumgarten des Gasthofs beim Frühstück.