Er fragte sie, was es wäre, aber sie schüttelte mit dem Kopfe und schwieg. Dann sagte sie:
»Ich werde es Dir nie verraten. Aber wissen wirst Du es doch, wenn dieser Sonnenstrahl gekommen ist; denn dann ist es um mich geschehen.«
In der ersten Zeit war ihr sehr bange, sie könnte nicht alle Dinge in der Stube wieder an den richtigen Platz und in die Stellung bringen, die sie zuvor gehabt hatten, weil ihre Hände und Augen nicht dazu geschickt wären. –
Ihre Mutter hatte sie am Rande eines wilden und schönen Mädchentages aufgelesen und wohnte noch immer in dem gleichen Dachstübchen, in dem ihrem Schoße die weiße Rose entblüht war. Das Fenster lag nach Norden, und man konnte die Sonne von dort aus nur sehen, wenn sie in fremden Gärten und in den Stuben der anderen Leute lag.
Das Schauen nach fremder Sonne hatte einen Zug tiefer Schmerzen in das junge Gesicht getragen. Eines Tages saß sie am Fenster – es war ein frostheller Januartag, und der Ostwind klirrte durch das Geäst. Sie dachte an die Zeit, in der das liebe Licht dieses kleinen Hauses nicht mehr um sie wäre, und blickte empor zu den kahlen Zweigen, die vom Winde geschlagen wurden.
Da wandte sich Jakobus ihr zu und sah ihr schmerzvolles Gesicht. Aber sie merkte es nicht. Es schien ihm, als wandele sie in einem tiefen, öden Felsentale, das auf allen Seiten verschlossen war, und sie ging dahin und sah die Abendsonne ihren Königspurpur um die hohen Zinnen legen.
Du hieß er sie ihre Kleider ausziehen und ihr langes, blondes Haar lösen, wie sie das schon oft vor ihm getan.
Er hatte sie dann gezeichnet als ein schönes, schlankes Kind, das in erdenfernen Gärten schritt – einmal auch als die Fee in dem Märchen, die sich aus der Blume befreite – da wob sie sich aus sanften Linien, die zuvor Blütenodem gewesen waren, zu einer holdseligen Frauengestalt. Oder sie wandelte über Stufen des Himmels den Engeln entgegen, die dort auf den lieben Gott warteten.
Aber an diesem Tage wurde sie ihm zum ersten Male zu dem schmerzensvollen Erdenmädchen.