Er hatte eine Eingebung gehabt, sie so in ein großes Bild zu stellen, das er ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nennen wollte. Wenn die hohen Bäume wieder Frühling über sich warfen und nur verirrtes Licht durch die Wogen der Wipfel brach, sollte es draußen vollendet werden.

Zuerst hatten sich seine Sinne an dem scheuen Frühling dieses Mädchenleibes in einen blutroten Taumel gesungen, und er hatte ihr die Augen verbinden müssen.

Nun gab sie sich ihm längst ohne Scheu, es war, als durchleuchtete die Seligkeit ihrer Seele den jungen Leib, so oft er sie rief. An diesem Tage sagte er ihr, daß sie mit dem vorigen Gedanken sehnsüchtigen Schmerzes dastehen müßte und mit erhobenen Armen, die den beglückenden Traum der Sonne nur ein einziges Mal fühlen möchten …

Sie war ohne Grenzen in ihrer Demut, und sie war ohne Grenzen in ihrer Kraft, wenn er ihr gesagt hatte: »Du sollst …«

Er wußte nicht, woher dieser zarten Schlankheit solche Kraft kam. Sie wurzelte in den Stein, der unter ihren Füßen war, wenn er es ihr gebot; und sie litt Qualen einer Zeit, vor der sie bangte als vor dem namenlosen Jammer, an dem sie sich in das Grab siechen mußte – sie litt es; denn er hatte es gefordert. Und sie dehnte die Arme – nicht nach der Sonne, sie dehnte sie nach dem Saume der Berge, über die sie ihn schreiten sah, und mit jedem Schritte zog er weiter von ihr fort …

Da rief sie seinen Namen aus den Tiefen ihres Schmerzes herauf und brach in die Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Und weil sie schluchzte und nicht fühlte, daß er seine Hand auf ihr Haar legte, und nicht hörte, daß er da war und mit ihr redete, nahm er sie auf die Arme und trug sie auf sein Bett. –

Jakobus Sinsheimer war keine Einsiedlernatur, aber Abstammung und Erziehung hatten es ihm zur beglückenden Gewohnheit werden lassen, sich nicht in die Märkte und Gassen hineinzudrängen, auf denen die Menschen ihre Jahrmarktsherzen und sich selbst als Kleiderstöcke ausstellen. Wer der Ansicht ist, daß ausschließlich solche Menschen vorhanden wären, der ist gar sehr im Irrtum; denn es ist zu schätzen, daß es an nahezu fünf Prozent aller neuzeitlichen Kulturstätten annähernd ein Prozent immer noch ganz vernünftige Leute geben mag.

In Weimar sind deren mehr, was schon daraus zu ersehen ist, daß dort sehr viele Dichter leben.

Nein, Einsiedlerneigungen hatte Jakobus Sinsheimer keineswegs, aber er legte um das Bild jeden Tages einen Rahmen von Sonne und Grün. Und wenn beides nicht zu haben war, weil die Sonne in den Gärten der Engel und das Grün in den Bettlein der Elfen zu tun hatten, so nahm er mit freiem Weltenlicht und mit Himmel vorlieb.