Es setzte ihn auch schon lange nicht mehr allzuviel in Erstaunen. Nur darüber – dachte er – würde er sich bis in die goldene Ewigkeit hinein wundern, daß die Menschen mit dem Himmel fast gar nichts mehr anzufangen wüßten.
So gewöhnte er sich, davon immer ein Stück in den Händen zu halten. Und das war gut; denn damit findet sich der Mensch durch Nacht und Licht und findet sich auf die Sonnenraine, die auch mitten durch die lautesten Märkte des Lebens führen, und auf denen immerfort ein bißchen Glück blüht.
Uebrigens erfüllte ihn das neue robuste Schaffen dieses Vorstadtwinters mit einer ungekannten Freude.
Er wußte, daß der Wandel, der seine Vorliebe für landschaftliche Motive verdrängt hatte, ihm aus dem Eifer gediehen war, mit dem er sich den Dichtern gewidmet – auf einmal waren seine Gedanken bei Doris Rinkhaus. Von allen Menschen, die ihm nahegetreten waren, hatte er an Do den geringsten Anteil gehabt. Aber sie redete doch immer dazwischen. Sie erklärte ihm den Krieg und guckte ihm über die Achsel in jedes Buch; sie verreiste und blieb doch bei ihm. Sie stand in ihm als eine brennende Kerze, und er nannte sie, wenn er sich über sie ärgert, die ewige Lampe.
Aber in dieser Zeit begann er sich gegen sie zu wehren – es war das wilde Jahr!
In diesem Jahre halten junge Männer ihre Väter gemeinhin für altmodische Tröpfe und ihre Mütter für abgestandene Frauen, die aus ihrem späten Leben in das Land der Jugend und neuen Zeit herüberreden möchten und sich darin nicht zurechtfinden. In diesem Jahre reckt sich eine Kraft, die für den, der sie spürt, aussieht wie der Riese Goliath, und für den, der daneben steht, wie ein Embryo, an dem schon alles da ist, aber das Maul ist aus seiner Natur heraus am größten. In diesem Jahre hält der junge Mann von Begabung die Mädchen und die Ellbogen für die vornehmsten Einrichtungen und hat niederreißende Gelüste. Wenn man ihn gewähren ließe, würde er auf den Thron Gottes steigen und der Welt zeigen, was Allwissenheit ist. Und so weiter.
Das kommt daher, daß sich über der reckenden Kraft alle Gesichtswinkel verschieben – auf einmal sieht die Welt aus wie vor den Toren im November: vor den Toren sind die Schrebergärten mit den tausend Lauben, die Begeisterung und Ungeschick gezimmert haben; beides wird im abgeblühten Jahr offenbarer.
Und über diese Welt stürmt die Kraft des wilden Jahres dahin, gerät in Sand und Nebel und wird besinnlich und gibt dem lieben Gott eine Gnadenfrist … Das Sinnbild des wilden Jahres sind die Hörner. –
Daran dachte Jockele aber nicht, als er im Lehnstuhl am Ofen saß. Er hatte die Tür zu dem Kämmerchen nur angelehnt und horchte manchmal hinaus, was es mit Husch wäre.
»Ich habe ein mächtiges Unheil in ihr angerichtet,« dachte er.