Do und Maria Reh sollten nichts davon erfahren. Er kannte die Reden der beiden zur Genüge: Maria Reh sagte, so etwas wäre ›überhaupt‹ nichts, und ließ sich auf Erklärungen ihres himmel- und erdenumfassenden ›Ueberhaupt‹ nicht ein. Und Doris Rinkhaus war in solchen Fällen von einer Kälte, die ihm unter die Nägel kam.
Er legte das Ohr an den Türspalt und hörte an ihrem regelmäßiggehenden Atem, daß sie eingeschlafen war.
Dann hatte er mancherlei Einfälle; der einer in nahe Zeit gerückten Eheschließung war diesmal nicht dabei, aber auch nicht die Absicht einer sanften Entwöhnung. Vielleicht würde es besser mit ihr, wenn der Frühling in diesem kühlen Baumwinkel über sie kam! Dann sollte sie draußen um ihn sein, wenn er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ schuf …
Natürlich lief er gleich hinaus, zu sehen, wie diese große Sache am besten zu machen wäre. Gegen den Zaun kam die Leinwand, der er beiläufig zehn Geviertmeter Fläche gab – und er mußte das von der Leiter aus malen. Der Gedanke hatte etwas Berauschendes … so hoch da droben mit dem Pinsel: Prometheus, der der Erde das Feuer bringt!
Da blinkte eine Flocke Weiß aus dem grauen Grase hervor – wahrhaftig, in den vergangenen drei Tagen, in denen ein Weststurm den Schnee zusammengekehrt hatte, war schon das Wecken in die Erde geklungen, und ein Schneeglöckchen hatte sich aus der Scholle gedrängt, und hing doch noch tiefe Winternacht ringsum. So war dies Fünklein Licht aus dem Frühling herübergeweht, und Jakobus, der gleich alle Engel im Himmel die silbernen Glocken suchen sah, kriegte das Laufen, stülpte den Hut auf und eilte in die Stadt. Er brauchte noch drei Modelle: einen Mann auf der Höhe des Lebens und einen, der ganz voll war von dem Klange der Erlösung, die sich aus dem dumpfen Schalle der Hufe trinken läßt, wenn der Tod über die letzte Brücke reitet. Und ein Weib.
Da ging er zu Huschs Mutter und fand sie in dem Vorderstübchen. Sie stickte und hatte die Füße auf einem Backstein, den sie so oft gegen den anderen auf dem eisernen Oeflein auswechselte, als er kalt wurde. Der Ostwind spielte draußen auf den Dachziegeln ein gefrorenes Lied.
Jakobus erzählte ihr, wie es mit Husch gegangen wäre, und daß sie nun in seinem Bette läge und schliefe.
Da sagte die Frau: »Oh, schicken Sie sie nicht fort! Sie ist schon viel freudiger geworden, seit sie um Sie sein darf. Es ist schlimm mit einem so wunderlichen Mädchen in solcher Zeit – die Husch hat eine grausame Lust, leiden zu können. Aber es muß aus dem Glück zu einem anderen Menschen geschehen, dann wird sie gesünder und weiß es nicht. Sie ist über einer ewigen Selbstopferung, und Leiden ist ihr Freude. Aber wenn sie hier unter dem Dache kümmern muß, fällt sie mir aus und stirbt.«