Da dachte Jockele an das Kind der Bauersleute, das dem aussätzigen Ritter Heinrich sein Herzblut opfern will. Er hatte in dem Gedichte des Hartmann von der Aue am Morgen gelesen, wie der Arzt von Salern zu ihr sagt:

Ich muß Dich ausziehn nackt und bloß;
Ist das nicht Not genug, so groß,
Daß Du mit Recht vor Scham vergehst,
Wenn Du so nackend vor mir stehst?
An Beinen bind' ich Dich und Armen;
Fühlst Du mit Deinem Leib Erbarmen,
Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!
Ich schneide Dich bis tief zum Herzen
Und brech' es, wenn Du lebst, aus Dir …

Nun schenkte ihm die Stunde eine Reihe von Bildern, die gleich in seinem Geiste standen als leuchtende Erfüllung.

Er gab sich dem Reichtum des Augenblicks in gesegnetem Vergessen hin. Das sah die Frau, und weil sie es sich nicht anders deuten konnte, sagte sie: »Sie sind nun doch gekommen, um mir zu sagen, daß ich Husch nicht mehr schicken soll!«

»Oh, ich brauche sie – ich brauche sie vielleicht den ganzen Sommer über!« rief er und sah, wie froh die bleiche Stickerin an seinen Worten wurde.

Dann schickte er sie zu Husch und sagte ihr, wo der Schlüssel wäre, und ging in einem wilden Glücke davon.

Auf dem Wege den Kasernenberg hinab über die Sternbrücke in die Wagnergasse, wo er das Modell zum Armen Heinrich wußte, dachte er an Husch und wie er ihr Leben richten sollte. Man wartete auf ihn, und er war in dieser Stunde zu Sein oder Nichtsein für zwei Frauen geworden, die auf den Dächern lebten und sich nicht herabfanden auf die Erde. Er war ein Mann und eine beglückende Hoffnung! Da brauste Frühlingssturm in ihm.

Als er in der Dämmerung nach Hause kam, war Husch aufgestanden.

Er fragte sie, warum sie nicht mit ihrer Mutter nach Hause gegangen wäre.