Jockele saß noch eine Stunde bei der Lampe und blätterte in Goethes Gedichten mit den Anmerkungen. Aber die Bilder dieses Tages drängten sich zu laut um ihn. Er dachte: er wollte Husch dreißig Mark Monatsgeld geben und sechzig Mark für den Haushalt – darüber verfiel er in ein mühsames Rechnen und erkannte, so ging das nicht. Aber Tante Veronika wollte er nicht helfen lassen. Er hatte den Plan mit Husch ohne sie erwogen, so sollte er auch ohne sie ausgeführt werden! Er mußte in den Bildern zum Armen Heinrich etwas Ordentliches schaffen, etwas, das sich zu Gelde machen ließ! Zum ersten Male erhellte ihn der Gedanke, und Gwendolin tauchte wieder auf, die geschäftskundige.
Da ging er ins Kaisercafé und saß mit einigen Kunstschülern an einem Tische, die voller Pläne für einen großen Faschingszug waren, der im nächsten Monate abgebrannt werden sollte. »Prinz Karneval vermählt sich mit der Muse Weimars« hieß die Idee, auf der sich die Sache aufbaute; und Jockele mußte dabei helfen.
Da wurden die Zahlen, die er vor einer halben Stunde im winterlichen Baumgarten am Horn aufgeschrieben, riesenwüchsig – die Dreier und Zweier wurden zu Schlangen und die Einser und Vierer zu Keulen und rückten gegen ihn an zu einem wüsten Kampfe.
Aber seit jenem langen Frühlingsmonate, in dem er zwanzig Tage niederschmetternde Gastfreundschaft bei Do genossen, war er ein gut Stück in die Lebenskunst gewachsen. Nun saß er in einem Kreise junger Leute, bei denen das Exempel in der Regel nach dem Vergnügen ausgerechnet wurde – da brachte auch er den Armen Heinrich, die Gruppe aus dem Tartarus, die männliche Fürsorge für Husch und den Prinzen Karneval zusammen, und gelobte, den Faschingszug als Spitzenreiter mitzumachen.
Am anderen Tage griff er sich Gwendolin vor der Kunstschule und verwickelte die Ueberraschte in ein besinnliches Gespräch.
Wie ihn Gwendolin so reden hörte, sagte sie: »Immer hast Du Dir einen neuen Turm aufgesetzt, wenn man Dich mal acht Tage nicht gesehen hat,« und sie legte einen Respekt in ihre Worte, den er von ihr nicht gewöhnt war.
Als er ihr von Husch erzähle und wie es mit ihr geworden wäre, sagte sie: »Du faßt alle kleinen Dinge gleich mit beiden Händen und mit dem Herzen an und stellst Dich zu jedem, als müßtest Du Dich mit ihm verheiraten. Wenn Du das Dein ganzes Leben hindurch so machen willst, kommst Du aus der Grundsuppe gar nicht heraus.«
»Es liegt das wohl so in meiner Art,« sagte Jockele.