»Ja, aber ich halte diese Art für schwerblütig und gefährlich.«
Auf dem Heimwege blieb die Rede Gwendolins um ihn, aber er vergrübelte sich daran nicht in Hoffnungsödigkeit, wie ihm das vordem geschehen war, sondern dachte: »Wenn ich mit dieser Art nicht mehr weiterkomme, muß ich ihr aufkündigen. Gwendolin hat mit ihrer anderen frühzeitig auf eigenen Füßen gestanden, aber sie bleibt auch immer dieselbe. Bei einem Mann ist das eine ganz andere Sache.«
Er hatte sich das genialische Treiben seiner Bekannten zu genau besehen und wußte, daß er nicht mit ihnen gehen konnte. Aber er wußte nicht, was er Do in diesem Jahre schuldig geworden war, die ihn mit ihrer sichtigen Klugheit auf klare Wege geleitet hatte. Nun hielt ihn das eigene und ein gut Teil eigenwillige Wesen fest, und er pendelte nicht zwischen Moden und Manieren, die sich als Schimmel oder als wildes Rankenwerk über eine jugendliche Kraft legen und sie ersticken. –
Husch hatte das Häufen so mit ihrem heimlichen Glücke durchleuchtet, daß er gleich alles bereitete, um an dem Armen Heinrich zu beginnen. Er erzählte ihr die Fabel der Dichtung, und sie lebte sich in das seelenverwandte Mädchen mit der grenzenlosen Innigkeit hinein, deren sie fähig war. Das sentimentalste und rühmlichste Preislied der Jungfrauenliebe, das die Erde kennt, gewann da zum anderen Male Gestalt.
Sie sah in dem Kleide der alten Zeit und dem zierlichen Kopfputze sehr lieblich aus, und er versank in das süße Weh ihrer Augen. Sie saß auf einem Fußschemel und hob das Gesicht voller Hingabe zu dem empor, der nicht da war, und verfiel ganz in den Traum ihres seligen Schmerzes.
Jakobus hatte ihr gesagt: »Du mußt jetzt denken, daß er Dir Ringe für Deine Hände und goldene Bänder für Dein Haar geschenkt hat, und nun sitzt er Dir gegenüber und erzählt, daß er nicht von seinem qualvollen Leiden erlöst werden könnte, weil nur das in Liebe geopferte Herzblut eines schuldlosen Mädchens dies Wunder vollbrächte …« Da trat der große Schmerz vor sie hin und legte ihr die Hände auf die Lider. Und sie schlief einen wachen Schlaf und ward zu atmendem Marmor.
Als er mit der Zeichnung zufrieden war, nahm er Farben und eine Tafel, machte mit Kohle eine rasche Skizze und begann zu malen.
Sie erwachte nicht und saß bis in den Nachmittag. Das Licht wurde müde, aber Husch ahnte es nicht. Da hob er sie auf und streifte ihr das fremde Kleid ab und legte sie zu einem langen Schlafe auf sein Bett.
Diese Erscheinung hatte für ihn nun schon wesentlich an Tragik verloren. Wenn es auch ein Rausch des Schmerzes war, so war es doch ein Rausch, und der mußte verschlafen werden. Mochte der Trank für Husch süß oder bitter sein, ganz rein war er jedenfalls nicht. Aber die Sache fing an, ihm peinlich zu werden, und er fühlte wieder die Scheu vor der Klatschsucht der Menschen; denn seine Jugend hatte über aller Klatschsucht noch nicht Zeit gehabt zu der Erkenntnis, daß der Sieg über sich selbst auch den Sieg über jedes unerlaubte Maul bedeutet.