Rolf Krake kam herein.

Er ging ein wenig vornübergebeugt und sah aus, als wollte er dem Geheimnis Gott auf den Grund kommen; und so, als wüßte er, daß es nur noch eins gebe, das unergründlicher sei: nämlich er selbst. Aber das wußte er nicht. Er hatte ein schmales, bartloses, scharfmodelliertes Gesicht mit einer auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach rückwärts gestrichen. Es schien zu wehen, so oft er in innere Erregung geriet. Ein anderes Zeichen dafür gab es an diesem besinnlichen, etwas übermächtigen Kopfe nicht. Denn die Augen lagen ihm unter der kraftvollen Stirn – grau und groß, und wer diese Augen zum erstenmal sah, der dachte, es gebe auf der Welt keine, die ruhevoller wären. Weit offen – und dennoch Rätsel, die kein Mensch je gelöst hat … wenn man nicht sagen will, daß dies dem Schwurgerichte gelungen sei, vor das Rolf Krake hernach gestellt wurde. Augen, wie diese, hatte niemand. Nicht einmal Nane Thord. Denn die von Nane Thord waren zwar auch grau, groß und ruhevoll, aber sie leuchteten jeden Tag über einen Wunderglauben. Deshalb konnte Nane Thord zuzeiten in die Welt schauen wie ein Kind, welches den lieben Gott sucht und meint, er stehe hinter der nächsten Ecke und spiele mit ihm Verstecken. – Seine Lippen waren schmal, aber nicht verkniffen; sondern dieser Mund sah aus, als könnte er sich nur mit Rolf Krake unterhalten. Und doch hatte Rolf Krake keinen Feind auf der Welt als sich selber. Aber er war der Meinung: er selbst wäre sein bester Freund. In diesem Wahne litt er sich an den Rand des Verderbens; denn sein bester und edelster Freund war sein Bruder Woldemar. Der war aber noch niemals im Hardanger Fjord gewesen; denn Rolf Krake hatte ihm, in seiner Einbildung von der Feindschaft des Bruders, seinen Aufenthalt schon seit Jahr und Tag verschwiegen. Nur manchmal, manchmal bekam er eine so heftige Sehnsucht nach ihm, daß er Mister Johnnys Segelboot losmachte – mitten in der Nacht – und den ganzen Fjord lang segelte – mitten in der Nacht – bis hinaus gegen den Bömmelsund, wo das Meer offen wird. Das tat er, weil er auf diese Weise den großen und schnellen Dampfer erreichte, der im Morgengrauen von Norden kommt und nach Kiel fährt. Von dort aus reiste er seiner unheimlichen Sehnsucht nach, in einem fort bis Jena, wo sein Bruder Woldemar studierte. Aber wenn er ihm dann die Hände schüttelte, dachte Rolf Krake: »Es ist doch so – dieser Mensch ist mein schlimmster Feind.« Und in der nächsten oder in der folgenden Nacht reiste er ohne Abschied wieder von ihm weg. – Bei alledem hielt kein Mensch seine Sinne sorglicher zusammen als Rolf Krake.

Was die Leute von ihm wußten, und wie sie sich das Geheimnis Rolf Krake ausdeuteten – das kannten Do und Jockele von Hanna. Es war vielerlei, aber es war nicht viel. Und die Deutung war flach.

Rolf Krake dichtete und malte. Rolf Krake studierte dickleibige theologische Schriften, aber mit gleichem Eifer Darwin, Büchner und Haeckel. Er hatte zwar den Anbau zu Nane Thords Fischerhütte errichten lassen, aber er wohnte in der Sägemühle am Eingange des Seitentales, hinter welcher der Skjoldefoß sechzig Fuß hoch über die Steilwand herabschießt. Es war dort so: der Wassersturz hing vor der Wand in der Luft. Wenn der Wind von Norden dagegenstieß, wehte er wie ein Schleier; denn der Felsen hatte oben eine Nase, die bei zehn Fuß hervorragte. Über diese Nase brauste die Flut hernieder. Deshalb konnte Rolf Krake zwischen der Bergwand und dem Falle stehen mit verschränkten Armen und konnte – hinter sich den Fels und vor sich die brüllende Allmacht des Sturzes – fürchterlich einsam sein.

Er sagte, er wohne in der Sägemühle, weil er dort an seiner Drehbank drechseln könne, ohne daß er mit seiner Liebhaberei jemandem auf die Nerven falle. Aber es geschah auch deshalb, weil die Sägen, Räder und aufgeregten Wasser lauter redeten als die vielen Stimmen, die in ihm waren.

Nach alledem könnte man denken, Rolf Krake wäre feindselig gegen seine Mitmenschen gewesen. Aber auch das traf nicht zu; ja es läßt sich sagen, daß er von allen Sturmschwalben der Wohltemperierteste und in seiner Art Liebenswürdigste war. Und der Rücksichtsvollste. Das ließ sich schon daran erkennen: er hatte an diesem Vormittage den Gesellschaftsrock angelegt. Es hatte sich in den Strandhäusern wohl herumgesprochen, daß die schöne lichte Frau Do nach der Insel gesegelt sei.

Do hatte mancherlei Aufträge von Hanna für ihn. Sie spazierte also im Saale mit ihm hin und her. Henrik Tofte trank indessen sehr viel Sekt. Darüber wurde er aber nicht lauter als sonst, und seine Augen verloren nichts von ihrer stahlblauen Klarheit. Wenn er früh zu trinken begann, trank er in der Regel bis in die Nacht, ohne daß seine Hünenkraft erkennbar erschüttert wurde.

Dieser Vollnatur gab sich Jockele in heller Aufgetanheit hin. Es gab an ihr nichts zu raten. Do aber wurde von Rolf Krakes rätselhaften Dämmerungen aufs tiefste gefesselt. Sie dachte: weder Hanna noch irgendeiner aus diesem Tal ahnt sich heran an seine Seele – und Rolf Krake stand in der Fülle des Lichts, das von ihr ausging, und vergaß darüber die Welt und sich selber.

Nach einer Weile kamen Mister Johnny und Mister James. Beide in großkarierten hellen Anzügen und in gelben Kalblederschuhen mit dicken Sohlen. Beide in Sportmützen, beide gleich hochaufgeschossen und beide gleich blond und tadellos in der Aufmachung. An dem Malzeug, das sie bei der Tür ablegten, war zu sehen, daß sie Künstler waren oder werden wollten. Zu dieser Zeit waren sie englische Staatsstipendiaten, die von Henrik Tofte jedes Bild von der Staffelei weg erstanden, vorausgesetzt, daß er es nicht mit seinem Namen zeichnete. Mit dem reichlichen Gelde, das sie ihm dafür bezahlten, erwarben sie das Recht, die Bilder als ihre eigenen auszugeben und als Belege ihres Fleißes und Könnens nach England zu senden.

Dieser Brauch hatte sich aus ihrer Bequemlichkeit einerseits, aus dem andauernden Geldbedarfe Henrik Toftes andererseits entwickelt. Beide Teile fanden ihn angenehm. Aber es war eines der Wasser, die zwischen Gwendolin und Tofte rannen, und über die Gwendolin nicht zu ihm kommen konnte.