»So!« brüllte Johnny, »und das nennen Sie einfach?«
Tofte zog die Achseln. »Tja – der kürzeste Weg zum Ziele! Das ist stets der relativ einfachste …«
Auf einmal erklangen Männerstimmen – von drüben aus den Fenstern des Ateliers im Nachbarhause. Es waren die Maler, die an dem Scherze beteiligt waren und zuerst in Toftes Malraum die Gegend erkunden wollten. Tofte sah aus dem Fenster und rief hinüber: »Mister Johnny hat mir den ganzen Tag zerdonnert. Der Löwe ist los!«
»Der Löwe?«
Da eilten sie alle herüber, stießen ihre Arme und ihre entsetzten Stimmen in die Luft, und Johnny forderte sie auf, mit ihm die Zugspitze zu besteigen, um den Ausreißer im Triumphe heimzuführen. Aber sie lehnten ab. Tofte schützte Arbeit vor, die anderen vier fanden die Sache zwar eigenartig, aber auch gefährlich.
Es nahm nun alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf: das Rollfuhrwerk kam, der Käfig wurde aufgeladen, Mister Johnny ließ seine gepackten Koffer im Atelier, reiste dem Käfig nach und – ward nicht mehr gesehen.
Die Koffer forderte er einige Tage später nach Glasgow – woraus zu schließen war, daß er die Zugspitze erklommen und dort sein »Eigentumsrecht an dem Löwen geltend gemacht« hatte … Nein, wieder kam er nicht – aber sein Ruhm hält in München noch für hundert Jahre.
In diesen Tagen war es, daß Professor Salzer die Tante Veronika entdeckte. Er war auf einer Septemberwanderung im Thüringerwald. Damit hielt er es schon immer; denn dies Fahren in bunten Blättern und Träumen war für sein gesammeltes und weises Herz die Erfüllung des Jahres. Und vor allem der letzte Sommer hatte ihm Veranlassung gegeben zum Nachdenken über sich selbst. Ganz leise war die Jugend um ihn her in ihren Frühling geflogen – Kordula, Cornelius, Gwendolin, Schaffrath, selbst Do und Jockele! Gott ja, sie waren ihm nicht abhanden gekommen. Aber ihr Leben hatte einen neuen kraftvollen Schoß getrieben, und Salzer war ein wenig aus dem Kurs gefallen. Nicht so, als wäre man seiner müde geworden, o nein. Er fand nur: es wäre für ihn in der Ordnung, ein bißchen zur Seite zu rücken. Manchmal, wenn er so droben über den Dächern zwischen Einsamkeit und aufglimmenden Sternen gesessen hatte, pochte es leis an sein Herz. »Herein!« Es war das Glück. »Herr Professor, ich wollte nur fragen, ob wir zwei uns im Leben vielleicht doch nicht so vollkommen eingerichtet haben, wie wir die Jahre her dachten.« – »Je nun,« sagte er und strich die Asche seiner Importe ab, »im allgemeinen doch wohl … trotz alledem! Etwas zu wünschen bleibt ja immer. Sollten wir es nicht genau so weiter treiben?«
Aber am nächsten Morgen, während das neue Licht einen herrlichen Kampf mit den Nebeln ausfocht, fuhr auch Salzer in seinen Frühling, fuhr stracks zu Tante Veronika. Er kam vor das Häuschen am Buchenschlag wie die Sonne selber; denn er hatte am Abend zuvor herausbekommen, daß auch die weise Frau vom Walde über den neuen Schossen, die das Jahr im Märchenhause getrieben hatte, ein wenig zur Seite gerückt war. Und Frau Do sollte ihn nicht umsonst die »Würze des Lebens« genannt haben!
Tante Veronika war gerade im Gärtlein und schnitt mit der kleinen Rosenschere ein bißchen am verblühenden Jahre herum. Sie hatte ein violettes Morgenhäubchen auf den schneeweißen Haaren. Da stiegen auf einmal zwei blanke Augen über den Zinseln des Zaunes hervor und darüber der hellgraue Künstlerhut, der stets aussah, als wär' er erst am Morgen aus dem Hutladen bezogen worden. Es gab eine große Freude; die sah zuletzt aus wie eine Malve, die vom Scheitel bis zur Sohle und ringsherum mit schönen rosa Blüten bedeckt ist; denn der Professor wackelte an dem Zauntürlein … Und als Tante Veronika drinnen den Riegel zurückschob, feierten die beiden Leutchen das Wiedersehen so herzfröhlich – es konnte kein Mensch glauben, sie wären einander in ihrem langen Leben nur ein einziges Mal auf fünf Minuten begegnet!