Natürlich lugte das Mädchen Mali im Eckzimmer gleich ein bißchen durch den Vorhang – was es da draußen für einen Spektakel gäbe. Und wie sie Herrn Salzer erkannte, der damals im Märchenhaus auch an ihr vorübergestrichen war, und wie die Frühsonne so um die beiden herumjauchzte, dachte sie: »Die Weisen aus dem Morgenlande!« So war nun das Mädchen Mali! Die Malve wuchs indes immer weiter, und zuletzt ward ein richtiges Feuerwerk daraus; denn der Professor wollte zwei bis drei Wochen im Frühlingshause zu Gast sein – der erste Herr, der darin »Logierbesuch« war, wenn man das Zigeunerbüblein nicht rechnete. Man denke!

Die Mali lief im Haus herum, als wäre sie frisch geölt, und flitzte über die Stiegen wie siebzehn Jahre. Und die Glocke über der Haustür läutete in einemfort, geriet außer Atem und mußte abgestellt werden; denn die Leute im Dorfe hätten ja gedacht, bei Fräulein Sinsheimer wär' Feuer ausgekommen.

Die Mali rückte gleich das ganze Häuschen in die neue Sonne. Nach ein paar Stunden funkelte es bis ins Herz hinein. Nicht etwa, als ob sie nun alle Winkel ausgestaubt hatte – ach nein, Winkel gab's hier nicht für solch beschauliches graues Dasein; sondern es war eine lichte Gelegenheit, alle Fenster aufzustoßen an den beiden alten Frauenherzen, und der Himmel fanfarte hinein mit schmetternden Trompeten; denn auch der Tante Veronika war anzusehen, wie glückselig sie war.

Den ganzen Nachmittag saßen die alten Herrschaften in dem Eckzimmer, durch dessen Scheiben damals das Zinzilein nach dem Herrn Prinz geschaut hatte, weil sie ahnte, daß sie nun eine Prinzessin würde – saßen dort nach Tisch vor den Meißener Schälchen beim Kaffee, und saßen dort beim Tee, als schon die Sonne ihr Königskleid über den Wipfeln des Waldes raffte. Das Leben aber fügte in diesen klaren und köstlichen Herbsttagen dem leuchtenden Sommerschlößlein, das den Namen Veronika Sinsheimer führte, den Schlußstein ein. Um diese Zeit wurde es fertig. Ja, es hatte lange gebraucht dazu, aber nun war es auch etwas prachtvoll Schönes geworden und war ausgerüstet mit allen Kleinodien, die auf dem Wege vom Auszug aus dem Himmel bis zur Heimkehr in ein Menschenherz gelegt werden können. Zuerst hatte es fast so ausgesehen, als wollte dies Leben dem Fräulein Sinsheimer seine Kargheit zeigen und ein Weiblein aus ihr machen, wie sie da und dort an den Rändern stehen. Nun hatte sie Kinder gehabt und hatte Enkel, ihr Herz hatte alles Glück der Welt hundertfältig gespiegelt, und nun hatte sie auch den weisen und fröhlichen Freund, der neben den herrlichen Blüten ihres Geistes und Herzens bestehen konnte.

Deshalb trugen die Stunden im Frühlingshaus Festkleider. Die gläsernen Schränke und die Mahagonimöbel funkelten so, wenn Tante Veronika mit ihrem Freunde vor den Meißener Tassen saß … »Ja, ja,« sagte der alte Herr, »mit dem Jockele sind wir noch nicht am Ende! Ich glaube, da kommt noch einmal etwas zutage, das keinem von uns im Traum eingefallen ist. Er hat sich dazu so herrlich auf sich selber gestellt, und uns – läßt er nicht einmal durch das Schlüsselloch gucken.«

Tante Veronika spielte mit ihren Händen auf dem Rande des Tischleins wohl ein schönes leises Lied. Und ihr Gegenüber, der Herr Salzer, führte sie an seiner sicheren Freundeshand den Weg der Wunder: aus dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika ans Herz der Frau Do zum Herzen des lieben Gottes …

Es war ein feines besinnliches Hinschauen.

Dann redeten sie von weiser Frauenliebe und von dem Segen, der in ihr ist. Von dem Fluche sprachen sie nicht; denn Fluch wächst nur aus Leidenschaft. Liebe aber ist Weisheit ohn' Unterlaß und Einschränkung; denn das Weiseste, was es gibt, ist der Verstand Gottes; und dieser ist Liebe.

So war der Herr Professor Salzer dem Märchenhaus in jenen Tagen abhandengekommen. Niemand fand eine Spur von ihm. Auch Jockele nicht – wiewohl er siebenmal die hundertneununddreißig Turmstufen emporzog. Cornelius komponierte die Märchenoper und war weg. Gwendolin feierte Hochzeit und war auch weg. Henrik Tofte? Ganz richtig – zu ihm gehörte das Fragezeichen. Schreiben tat er nicht. Tinte und Feder waren für ihn sein Lebtag Dinge gewesen, die er scheute wie Gift. Seine »Korrespondenz« hatte er sogar einen Winter lang von Nane Thord besorgen lassen. Und das einzige Mal, wo er nachweislich geschrieben – damals, als er unter die Dichter gegangen – hatte er das Manuskript vor den Augen der Menschen verborgen. Er sagte: ums Leben könnte er sich auch bringen mit Pinsel und Farbe.