»Es ist bei uns Männern das heiße Begehren nach der Tat, oft nach einer unerhörten Tat. Darüber stellen wir uns in Sturm und werden getrieben und bilden uns ein, wir wären der Sturm selber. Es ist bei euch Frauen einfacher.«

»Es ist gar nicht einfacher. Von den Frauen verstehst du noch immer herzlich wenig, lieber Jockele – trotz deiner umfangreichen Sammlung von Erfahrungen,« setzte sie lächelnd hinzu. »Wir geraten in unserer Mädchenzeit an Knaben, von denen wir uns vorreden, sie wären Männer. Und wir werden spielerisch. Zuerst fangen wir an, uns mit äußerlichem Kram zu behängen – und von Stund an ist die Mehrzahl der jungen Mädchen ruiniert fürs Leben. Aller Sinn für den wahrhaften Schmuck des Daseins geht ihnen verloren. Aber der für den Jahrmarktströdel bleibt, wächst, wuchert und verqueckt uns das Herz.«

»Ist dir das alles über dem Brief an Rolf Krake eingefallen?«

»Warum?«

»Du hast noch nie so hart geredet.«

»O ja,« sagte sie, »aber nicht oft, und du hast auch wohl nie mit so willigen Ohren zugehört. Oder denkst du, ich wäre damals aus dem reichen Hause meines Vaters in das Gartenhüttchen am Horn geflohen und hätte mein Leben auf Biegen oder Brechen gestellt, wenn ich das nicht gewußt hätte?«

Sie hatten ihre Arme fest ineinandergelegt und wanderten zurück bis in jenen Tag, an dem sie einander im Apfelgarten zum ersten Male begegnet waren. Und sahen ihr Leben an. Es stand vor ihnen wie in der Kristallkugel der Buschgroßmutter.

Davon sprachen sie nun. Jockele kannte dies schöne Märchen von Tante Veronika. Er hatte es lange, lange nicht mehr erzählt – zuletzt wohl droben im Hardanger Fjord am Herdfeuer. Da hatten sie alle zugehört, und Gwendolin hatte gesagt: »Paßt auf, wir erleben es doch noch, daß aus dem Naturforscher der Dichter wird.«

Durch das grüne Dämmerlicht unter den hohen Bäumen sah Jockele die Bilder in der Kristallkugel aufgehen und merkte gar nicht, daß er zu atmen vergaß – genau wie damals, als ihn die Tante Veronika zum ersten Male vor das Haus der Buschgroßmutter geführt hatte. Es war ein Novemberabend gewesen, und der Bergwind lief ums Haus und sang. Als ihn das Mädchen Mali dann zu Bett brachte, hatte er zu ihr gesagt: »Wenn es wieder Frühling ist, wollen wir die Buschgroßmutter besuchen. Ich nehme meinen Schirm und fort geht's!« – »Na ja,« hatte ihn die Mali vertröstet, »vielleicht im Frühling. Aber das Gebirge der Riesen ist schwer zu besteigen, und die Riesen sind auch keine netten Leute.« Dies Zwiegespräch hatte Mali der Tante Veronika berichtet; denn das sollte sie. Und Fräulein Sinsheimer sagte: »Sooo! Dann müssen wir das in den nächsten Tagen reparieren; denn fürchten darf er sich nicht.« – »Überhaupt diese Schauergeschichten …,« warf Mali ein. »O, die sind herrlich,« behauptete Tante Veronika. »Ich besitze gar nichts Schöneres, was ich in den Jungen hineinspeichern könnte; aber ich habe es wohl nicht richtig gemacht.« Und gleich am nächsten Abend erzählte sie wieder. Das Mädchen Mali durfte zuhören, und es war so schauerlich, daß sie ganz heimlich die Füße unter ihren Sitz zog, weil sie merkte: die große Kreuzspinne spann sie ein, die sich die Buschgroßmutter als Haustier hielt. Dem Zigeunerbuben aber legten sich die blanken Fäden dieser Phantasien schimmernd um das Herz.