Wie viele Jahre waren seitdem vergangen! Und nun stand ein Mann vor der Kristallkugel der Hexe im Baumgarten am Horn, sah die Bilder seines Lebens darin und sagte: »Es ist gar kein Märchen!«
Nein, es war das Leben! Und der Sinn der Rede, daß es ein Aber habe mit Männern, in deren Leben die Frauen nicht eine ungeheure Rolle spielen, ging ihm erst auf in dieser Stunde. Vor anderthalb Jahren an der Hochzeitstafel hatte er das so hinausgeschmettert aus seinem ungestümen Herzen. Es war nicht darin gewachsen. Darum hatte er es auch in seiner Art verstanden – nicht so wie die ältere Dame, die »O« sagte, aber auch nicht viel tiefer als die anderen. Freilich hatte er hinzugesetzt: »Was mich betrifft, so werde ich mich in die Sonne meiner Frau stellen, wie sich die Erde stellt in das Licht des Frühlingshimmels.« Nun ja, das hatte einen ergebungsvollen Klang gehabt und war auch vorsatzfroh gewesen. Aber man kennt das; und beides war nicht ungewöhnlich für einen jungen Hochzeiter, dem das Zigeunertum nur so aus den Augen blühte. Aber verstanden? Verstanden hatte er es nach seiner Kraft, und etwa wie Hanna von Fellner, die daraufhin mit ihm wettete.
Daran dachten sie nun. Und sie wußten: Hanna hatte die Wette verloren! Jockele war ein Mann geworden mit allen Erkenntnissen. Und es kam eine Allgewalt über ihn – da faßte er Do an den Hüften und hob sie empor und schmetterte einen Jauchzer über sie. Als sie wieder auf der Erde stand, preßte sie die Hände an die Schläfen, denn seine Wildheit brauste ihr durch die Adern. Er aber sagte ganz fromm zu ihr: »Du liebe Wundertäterin!«
Als es wieder Frühling wurde, ging Heidi im Rasen auf wie eine Tulpe. Sie trippelte von einer Blume zur anderen und trank die blühenden Wunder der Erde in ihre Augen. Jockele dachte: »Wenn sie im nächsten Jahre kommen, kann ich ihr die schöne Geschichte von der Buschgroßmutter erzählen.« Es war ein ungeduldiges Warten in ihm – er wollte auch sein Teil an der Kleinen haben. Und die verfallende Hütte der Buschgroßmutter stand in seinem Herzen noch genau so, wie sie die Tante Veronika darin aufgebaut hatte. Sogar der Waldkauz brütete noch über dem Türpfosten, und kein Sturm, der in den Jahren durch Jockele gebraust war, hatte das Spinnennetz zerrissen, das vor dem windschiefen Fenster hing: die dicke Spinne mit dem blanken Kreuz auf dem Rücken lauerte noch darin – genau wie damals.
Ach, vieles, vieles, wovon sich die Erziehungsfreude der Tante Veronika Wunder versprochen hatte, war verflogen – dachte er. Aber die verstaubteste, hübscheste und geheimnisvollste Hexenhütte, die je ein Märchenmund gedichtet hatte, die war stehengeblieben. Und die wollte Jockele seinem Frühlingskinde mitten hineinbauen ins Herz; denn wie Papa sollte Heidi in jeder Woche einmal darin einziehen und ihr Zauberglück finden, weil es so wunderschön war.
Um diese Zeit begann er, für Heidi zu dichten: kleine Blumen, kleine Blätter, die er über sie warf und die sie mit ihrem jauchzenden Herzlein fing. Dazwischen führte er sein Werk über die Flechten nun doch zur Vollendung. Er reiste an die Hochmoore des Erzgebirges und Bayerns; er durchwanderte die Schründe der Sächsischen Schweiz, wo die Flechten um die Felsenzinnen blühen. Das Riesengebirge lag noch zu tief in den Jahren, und er fühlte, wie er der Naturwissenschaft aus den Händen wuchs. Alles drängte in ihm nach einem Abschluß; denn der hatte noch gut Platz in der Zeit, in der der Dichter in ihm nicht ganz daheim war.
Wie alle Dichter, so fing auch dieser mit sich selber an. »Die halben kommen nie darüber hinaus,« sagte er zu Do; »ich aber will mich weit dahinten lassen. Es soll nicht etwas Windiges werden, was ich da schreibe, und nicht ein kärglicher Abklatsch des Daseins. Es ist Schwachsinn, eine Dichtung über den Leisten des Lebens zu schlagen. Was soll dann weiter daraus werden als ein Schusterwerk? Nein, der Dichter muß sich den Weltplan vom lieben Gott dazu borgen. So etwa: ›Gib her, ich werde jetzt einen Roman schreiben und will darin erschaffen, was du mit der Welt mal vorgehabt hast; denn ich bin besser daran – mir können die Menschen mein Werk nicht verpatzen, wie sie es dir täglich tun!‹ Wenn man von einem Romane nicht sagen kann: er ist ein schönes Märchen, dann ist er in der Regel miserabel.«
Das war das erste und letzte, was Jockele über sein Dichten zu Do und den anderen sagte, bis zu jener Wagenfahrt ins Riesengebirge. Aber das merkten sie wohl, daß er der Ansicht war: ein vollkommenes Märchen wäre die wahrhaftigste und wahrhafteste Dichtung, die sich ersinnen ließe; denn es steht darin: alle Schöpferweisheit und Teufelslist, alle Menschenklugheit und Torheit, alle Tücke und Liebe – und das eindringlichste und beredteste Weltbild ist fertig. »Laß dir nicht in deinem Leben und Dichten herumwühlen von den Menschen!« sagte er.
»Mich deucht, das wäre ein gutes Nachtgebet,« sagte Salzer.
»Ja – für alle; aber zumeist für die Dichter.«