Endlich kamen sie doch vor das Häuschen in Oberweimar, und Gwendolin mußte mit sich nach Hause wandern. Sie schritt mitten auf der mondhellen Parkstraße von Oberweimar her, kam an Goethes Gartenhause vorüber und stieg die Stufen beim Euphrosyne-Denkmal herauf, die zwischen dem Märchenhaus und Schaffraths Wohnung ins Horn münden. Von den Türmen der Stadt rief es ein Uhr. Richards späte Lampe brannte noch immer.
Es war eine schmerzliche Niederlage, die Gwendolin in dieser Nacht erlitten hatte. Ihr Herz, dies funkelnde, lichtselige Künstlerherz, war angelaufen wie ein Morgenfenster von der Oktoberkälte.
Am Kopfe des Stufenweges lehnte sie sich gegen das Geländer. Der Schatten einer Ohreule zog über den Mond. Gwendolin suchte nach einem Licht im Märchenhaus. Es war keins mehr da. Und die Lampe, die in Richards Zimmer wachte, war so peinlich beredt! »Warum könnt ihr beide nicht schlafen?« fragte sie, und: »Stehst du nun nicht da draußen unter den Sommerbäumen wie eine Abenteurerin?« Jetzt fingen auch die stillen Fenster des Märchenhauses an zu reden. Es war ein heimliches Flüstern vom Glück … Man konnte neidisch werden. Sogar aus den Tiefen der Nacht heraus betörte die Sonne von dort her das Herz! Waren denn Frau Do und Jockele nicht auch aus dem Edelstahle, der stets wieder zu seiner blanken Geradheit zurückschnellte, wenn man ihn bog? Zu allem war Do noch zwei Jahre älter als ihr Mann – und es ging doch? War nun dort die Weisheit, von der Henrik Tofte gesagt hatte: sie allein brächte das Wunder einer Blüte zur Entfaltung? Aber im Zwielicht des Durchschnitts oder des Narrentums kümmere dies Wunder? …
Es war eine heilsame Einkehr, die Gwendolin der blonden Do dankte. Dann ging sie den Gartenweg zwischen den Hecken entlang und trat in ihr Haus. Als sie im ersten Stock am Zimmer ihres Mannes vorüberkam, blieb sie nicht stehen; sie ging auch mit ihrem herausfordernden Schritt und legte den Hut ab und das Schultertuch. Aber dann kam sie doch zurück, trat in Richards Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl, der gleich links neben der Tür stand. Eigentlich wollte sie etwas sagen. Aber nun ging das nicht. Das Wort vertrocknete ihr auf den Lippen. Und man kann sich doch auch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes. Also!
Schaffrath saß am Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Die kleine Lampe mit dem roten Schirme stand links vor ihm. Und wenn man ihn so von rückwärts betrachtete, war er in das rote Licht gemeißelt wie ein Riese aus schwarzem Gestein. Eigentlich wollte er etwas sagen. Aber es ging nicht. Man kann sich doch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes.
So saßen sie eine Weile. Die Zeit lief zwischen ihnen dahin – mit jedem Pendelschlag der Standuhr tat sie einen Schritt – ein unsichtbares Gespenst. Einmal zog Gwendolin den Atem ein; es war, als fiel ein Tropfen auf eine heiße Herdplatte. Da stand Schaffrath auf, hob die Lampe hoch und leuchtete damit gegen die trotzige verführerische Frau. Sie sah ihn mit versteinten Augen an.
»Es ist mit dir immer das gleiche,« sagte er und stellte die Lampe auf den Schreibtisch. Dann schritt er hin und her, und sein Gang ward heftiger, wie eines Mannes, der gegen den Sturm läuft. Und dann barst die gefesselte Stille, und seine machtvolle Stimme gewitterte dahin über beide. »Bilde dir nicht ein, daß das sieben Jahre zu tragen wäre! Es ist ein klägliches Leben, und es geht darüber alles in die Brüche: unsere Freundschaften, unser Ruf, unser Werk und wir selber. Vier Wochen war es ein Schäferspiel, vier Wochen war es eine Komödie, seit vier Monaten ist es ein Trutzspiel, und nun wird gleich eine Tragödie daraus. – Wo bist du heute abend gewesen?« Sie schwieg. »Es ist gut, daß du dich scheust, es zu gestehen! Das heißt, Sinsheimers wissen längst, wie es um uns steht. Sie haben es seit vier Monaten gewußt. Aber sie sind still gewesen aus Mitleid. Aus Mitleid! Verstehst du, was das sagen will?«
Über diesem Worte wand sich Gwendolin in ihrem Stuhl. »Nicht aus Mitleid! Ich glaube, es ist noch ärger. Vielleicht ist es auch schon Verachtung. Sie sagen: es fehlt uns an gutem Willen.«
»Dir!« schrie er.
»Natürlich,« höhnte sie, »immer mir!«