Mister Johnny dagegen fürchtete den starken Henrik noch aus einem anderen selbstsüchtigen Grunde: der Liebe zu Gwendolin. Nun ja, die Bilder des Norwegers waren wohl zu allen Zeiten mit Geld zu erkaufen. Und selbst, wenn Tofte der Wandertrieb überkäme, oder wenn er – was noch schlimmer war – sich eines Tages von Gwendolin bereden ließe, seine Lieferungen einzustellen: in einem nahen Augenblick würde er doch an seinen leeren Geldbeutel fassen. Und dann konnte für Tofte und seine beiden »Schüler« die Sache wieder von vorn anfangen. Aber die lächerlich hübsche, die lächerlich gescheite und die lächerlich mächtige Gwendolin hatte das Schicksal von James und Johnny in der Hand, wenn es ihr einfiel, den genialen Henrik eines Tages zu heiraten!
Am einfachsten wäre es gewesen, Gwendolin hätte ihre Bilder mit der gleichen stillschweigenden Abmachung dem James und dem Johnny überlassen. Aber die hatte vortreffliche Beziehungen in Deutschland, sie behielt keine fertige Tafel lange im Hause; und zweitens brauchte sie lächerlich wenig Geld.
Heute morgen hatten James und Johnny droben auf dem Fjeld gelegen, angeblich malenshalber, und hatten sich gesonnt. Dabei hatten sie erwogen, daß sie das mühselige Werken mit Pinsel und Farbe aufgeben und dennoch die berühmtesten Maler Englands werden könnten – nämlich: wenn der starke Henrik ihnen für ein paar Jahre sein Genie verkaufte. Und wenn es nur das war, was er leichtherzig »Kitsch« nannte … Seiner Ansicht nach malte Henrik Tofte – wenigstens in dieser Zeit und für James und Johnny – überhaupt nur Kitsch. Er prahlte nie mit seiner Kunst. Aber Gwendolin versicherte den Sturmschwalben: was Henrik eigentlich könne, das wisse kein Mensch, und auch er selbst nicht … Nun, die Gefahr, daß es die Menschen so bald erführen, war nicht groß; denn was er aus seinem genialen Pinsel strich, das trug einstweilen die Namen John Williams oder James King. Haha! Die beiden hatten in London eine Ausstellung gehabt von »ihren« Bildern, waren daran zu großem Ruhme gelangt und waren mit einem Schlage die gesuchtesten Maler ihres Landes geworden. Davon erzählten sie natürlich im Fjord kein Sterbenswörtchen; und es schien, als ob der geniale Henrik nicht einmal die richtige Verachtung für sie aufbrächte.
Es war ein fabelhafter Bluff. Aber er war lächerlich ungefährlich, solange James und Johnny das Meer zwischen sich und die gläubige Heimat legten und – solange diese Gwendolin Vogelgesang den schönen Pott nicht in Scherben schlug. – Da mußte etwas geschehen.
Jockele und Do, Henrik Tofte und Gwendolin verließen die erlebnisreiche Tafelrunde schon gegen Mittag; denn Sinsheimers wollten ein Boot kaufen. Die Lockungen des Fjords waren mit unwiderstehlicher Macht über sie gekommen. Aber sie wollten auch nicht immer abhängig bleiben von Nane Thords Fahrzeug, so oft ihnen der Sinn nach der Insel stehen würde.
Gwendolin mußte mit. Das entsprach dem Wunsche Henriks. Wenn er sie nicht in seiner Nähe wußte, geriet er aus seiner »lächerlichen Wurstigkeit« – wie James King den Normalzustand Henriks in tiefer Bewunderung nannte. Aber wenn er gar einmal nicht wußte, wo sie war, wurde er unfähig zum Schaffen. Dann war ihm sein guter Stern vom Himmel gefallen … Die Leute wußten das von einem Ende des Fjords bis zum anderen. Sie wußten: dieser Mann, auf den sich die Augen aller richteten, weil er daherschritt wie ein Sieger, konnte Felsen zerdrücken in seinen Händen, und er konnte vor Gwendolin beten. Aber sie hörte ihn nicht. Es war das lauterste Verhältnis, das je zwischen zwei Menschen bestand, und doch wurde zu Land und zu Wasser kaum eines ohne das andere gesehen. Keines betrat die Stube des anderen, die ihnen Nane Thord von ihrem einsamen Fischerhäuschen vermietet hatte. James und Johnny konnten dieses Platzmangel wegen nicht auf dem Eilande wohnen. Die beiden hausten drüben am Festland unter dem Dache der alten Bolette Steensgard, die auch eine Fischerswitwe war. Sinsheimers behalfen sich einstweilen im Gehöft Krokengaard mit zwei kleinen Stuben, die nach dem Fjord hinauslagen. Und Rolf Krake sinnierte in der Sägemühle. –
Der Wind, der am Morgen die Flut gekräuselt hatte, lag irgendwo schlafen an sonnigem Hange. Deshalb mußten die Männer die Ruder gebrauchen. Es war eine feine Fahrt; denn der Schiffbauer wohnte zwei Stunden fjordabwärts. Darüber ließ sich Jockele von Henrik Tofte vollends in der Behandlung solch eines Fahrzeugs einweihen. Do und Gwendolin aber saßen in der Mitte gegen die rotgepolsterte Rückenlehne – Do ganz in Weiß, Gwendolin in Gelb – und brachten den Menschen, die sie vom Ufer aus sahen, den jauchzenden Glauben bei, daß nun der Frühling in vollem Gange wäre.
»Jockele,« sagte Gwendolin, »es ist furchtbar nett und delikat von euch, daß ihr vor der Mitwelt nicht ewig das Schauspiel der jungen Hochzeiter aufführt.«