»Und das ist dein letztes Wort, du liebste Gwendolin?«

»Nein,« sagte sie. »So dienen Sie um Rahel! Meinetwegen sieben Jahre. Es kann auch kürzer sein. Es braucht nur bis zu dem Tage zu sein, an dem wir beide wissen: wir können zu einer Zweieinigkeit gelangen wie Jockele und Do. Ich habe viel Leidenschaft und Liebe erfahren in meinem Leben, Henrik Tofte – aber ich danke mir auf den Knien, daß ich daran nicht zur Närrin geworden bin wie Tausende. Oh, wir Mädchen tragen unser Herz in den Händen, und wenn ein Mann Blumen darüber wirft, bilden wir uns gleich ein, sie blühen ewig. Sehen Sie Do und Jockele an, mein Freund! Die haben sich errungen durch Jahre. Diese herrliche Do hat ihren Mann dem Leben abgekämpft in einem verschwiegenen Kampfe. Und er ahnte es nicht; sie selbst nicht – niemand ahnte es. So selbstlos war der Kampf; und doch war er nicht minder schwer. Darum: reden Sie von diesen beiden nicht als von Hätschelkindern des Schicksals! Es gibt unter den Menschen keine, die sich ihr Glück köstlicher erzwungen haben als sie.« Jawohl, das Wort vom Schicksal hatte sich ihm schon auf die Lippen gedrängt. Da scheuchte es Gwendolin fort. »Gute Nacht, Henrik Tofte! Vielleicht gelangen auch wir über den Sonnensteg in das schöne ferne Land. Gute Nacht!«

Die Gletscherspitzen leuchteten nun in einem wundervollen Rot. Und auch die Worte Gwendolins waren voll von Verheißung gewesen für einen neuen Tag. Sie waren gewesen wie nie zuvor. Dennoch sah Henrik Tofte aus, als schrumpften seine mächtigen Glieder vor der Helligkeit ihrer Rede zusammen.

So hockte er im Schilfrohr und war ohne Hoffnung. Gwendolin hatte just das Werk für den neuen Herkules ausgesucht, das er unmöglich bewältigen konnte. Sie hatte seinen Gott, das Schicksal, gelästert und vom Sockel geworfen; sie hatte allen fröhlichen Glauben in ihm vernichtet; sie hatte seinen herrlichen Freibrief fürs Leben in tausend Stücke gerissen und in das Röhricht verstreut. »So dienen Sie um Rahel!«

Es brach ein Lachen gewaltigen Schmerzes aus seiner Brust. Dann hob er den gestürzten Gott wieder an seine Stelle. – O diese Narren! Warum mochten sie nicht an das einige Schicksal glauben, das die Welt regiert? War es denn nicht Schicksal, daß die drei Menschen, die Henrik Tofte am meisten liebte von allen, ihm den Weg zum Glück verwehrten? Gleich am ersten Mittag, an dem sie den Fjord entlang gerudert waren, waren seine Augen finster geworden über dem Blick in die Sonne Dos und Jockeles. »Nun,« tröstete er sich damals, »sie sind Hochzeiter!« Aber seither war alles Flittergold von ihrer Ehe abgefallen, und ein schönes klares Leuchten war geblieben, das sah aus, als wär' es für Zeit und Ewigkeit. Vor diese beiden Menschen führte ihn Gwendolin und sagte: »Sieh hin – getraust du dir das auch? Was wäre es, wenn wir einen Bund schlössen, und er könnte nicht sein wie dieser? Was wäre es, wenn wir zueinanderliefen in einem kindsköpfigen Rausche, wie zwei aus der Herde? Und flickten an unserer Gemeinsamkeit herum, stächen die Löcher mühselig zusammen und schafften damit doch nichts weiter, als daß das Ding ganz morsch würde? Und zuletzt ließen wir's gehen und kümmerten uns nicht mehr um die getrennten Nähte, weil sie ja doch nicht halten! Henrik Tofte, was wäre das?«

Jawohl, es war eine ungeheuer freventliche Weltanschauung, die die Gwendolin da zum besten gegeben hatte! Bildete sie sich denn nicht ein, sie wäre der liebe Gott selber und könnte sich mit ihrer eigenen Kunstfertigkeit das Leben zimmern?

Darüber nahm er Stück für Stück der umherliegenden Fetzen auf und paßte sie mit Sorgfalt aneinander. So baute er den richtigen Henrik Tofte wieder zusammen. Zwar, die Risse konnte er nicht ungesehen machen. Aber er war froh, daß es ihm leidlich gelungen war, und kroch aus dem Rohre; denn er hörte das Fischerboot mit den Kindern inselwärts plätschern, die die Kränze und Ranken brachten.

Als die Fahrzeuge bunt und fröhlich geschmückt waren, trat er in den Saal, wo ihn die Sturmschwalben mit Jubel empfingen. Da jubelte er sich zwischen sie hin. Aber er dachte, seit dieser Nacht wäre er hier nicht mehr daheim. Es war ein wunderlicher Zustand. So, als wäre er nun von dem Schicksal an eine Wegscheide gesetzt.

Indessen bereiteten sich die anderen schon zur Fahrt. Gwendolin und Do blühten wie der junge Tag: Hanna von Fellner hatte geschrieben, sie wäre auf dem Wege nach dem Hardanger Fjord und hätte sich Do und ihrem Mann in Sehnsucht schon dreimal an die Herzen gestürzt; nachmittags käme sie mit dem Dampfer fjordaufwärts, und sie erwarte, daß an der Haltestelle alle Flaggen gehißt wären.