Wenn Johnny an diesem Tag nicht vorgehabt hätte, auf sie zu warten, so hätte er sie am Morgen nicht mit in sein Boot genommen.
Der Wandel der Lichter und Schatten, der um Mittag eintrat, verurteilte ihn zur Untätigkeit. Da legte er sich auf das kurze Gras eines Hügels und guckte in die spiegelnden Wasser. Bergkuppen standen darin, silberstämmige Birken, finstere Föhren, die sich an Zacken klammerten; und die flimmernden Eisströme vom Folgefond. Und alles blühte hinein in die seligen Himmel der Tiefe. Den »Malkasten des Herrgotts« hatte Gwendolin den Fjord genannt.
Johnny hatte seinen Platz so gewählt, daß er Gwendolins Wildrosenhut sehen konnte, wenn er sich ein wenig aufreckte. Diese Gelegenheit nahm er viel öfter wahr, als er dachte. Er sah sich an dem Zauberspiegel der Flut müde, aber an Gwendolin nicht. Nun ja – Henrik Toftes Abreise mit unbekanntem Aufenthalt war ein harter Schlag für ihn gewesen. Aber die Sache hatte doch auch ihre gute Seite …
Der lange Johnny hatte nie in seinem Leben eine so kurzweilige Sonnenruhe gehalten wie an diesem Tage. Ohne Pinsel und Farbe malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen James dar in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße nußbraune Gwendolin hatte John Williams unwiderstehlich gefunden. – Es war sehr unterhaltsam. Ja. Und deshalb lugte Mister Johnny immer durch den Spalt zwischen den beiden Birkenstämmen.
Um die gleiche Stunde befand sich sein Freund James in nicht minder heftiger Kurzweil. Einesteils hockte er in seinem Boot im Sommerrohr und strich mit einem großen Pinsel Zinkfarbe an die äußeren Bordwände. Anderenteils malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen Johnny dar in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße, nußbraune Gwendolin hatte James King unwiderstehlich gefunden. – Es war sehr unterhaltsam. Denn: wo in aller Welt war ein Mensch auf die köstliche Idee verfallen, mit Hilfe eines Gespensterschiffes seiner Angebeteten eine nächtliche Aufwartung zu machen? Seiner Angebeteten? Nun, auf eine so romantische Gemütsverfassung zielte der Ehrgeiz eines richtigen Glasgowboys im Grunde genommen nicht. Aber etliches hatte er doch den Deutschen und Norwegern abgeguckt; und er war nicht umsonst der Schüler Henrik Toftes gewesen. So war seiner Weisheit letzter Schluß: mit einigem romantischen Behaben mußte der Gwendolin wohl beizukommen sein. Denn erstens würde ihr dabei das Herz erschauern: es war ja bekannt, daß auch Nane Thord nächtliche Zusammenkünfte mit ihrem Verstorbenen hatte. Zweitens: Gwendolin, deren Licht stets bis über die Mitternacht hinaus durch das Fenster schien, lebte in so später Stunde ein gesteigertes Leben: sie würde an Henrik Tofte denken, der in der Geisterzeit sehnsüchtig um die Insel strich … Und drittens berechnete James das Einkommen, das sich aus Gwendolins Fleiß und Talent schlagen ließe.
Mister Johnny, weit, weit draußen vorm Zauberspiegel, stellte die gleiche Berechnung an. Im übrigen aber: auf die Hilfe der vierten Dimension verließ er sich nicht. Er wartete, bis Gwendolin so gegen drei Uhr ihre Brote auspackte, dann schritt er unternehmungsfroh die Hügellehne zu ihr hinan.
»Fertig!« sagte sie und biß in die Schinkenstulle, »ich schließe, daß es spät geworden ist, denn ich habe einen Mortshunger.«
»Well,« sagte Mister Johnny, »und ich habe Ihnen drei Eier aufgehoben.«
»Famos! Geben Sie her!«