Sie aber wollte ihn von sich selber erlösen. Daher mußte er über diese Stelle hinwegkommen. Sie sah: es war der verwickeltste Prozeß eines innersten Gefühlslebens, den Rolf Krake sich selbst nicht klar aufzeigen konnte, geschweige denn einem anderen. Aber so viel Licht, als in das Geheimnis dieser verschnörkelten Seele zu werfen war, wollte sie für ihre Erkenntnis doch erringen – nicht allein, weil sie dies verschleierte Bild lockte, sondern – wie es häufig geschieht, daß feinfühlige Frauen sich von Ahnungen leiten lassen: weil sie dachte, sie könnte dem wunderlichen Freunde mit dieser Erkenntnis einmal von Nutzen sein.
Erst in der sinkenden Nacht kamen sie nach Hause. Do saß danach mit ihrem Manne noch lange wach. Sie sprachen von Rolf Krake.
»Es ist so mit ihm,« sagte Do, »als Kind hat er gelernt, sich zu hassen. Dieser Haß blieb ihm und wuchs in dem Jüngling weiter …«
»Aber, ich bitte dich, Do, wie ist denn so etwas möglich? Es kann sich ein Mensch über sich ärgern, oder es kann ein Mensch das Vertrauen zu sich selber verlieren – aber er kann sich doch nicht durch eine Reihe von Jahren unausgesetzt hassen! Das wäre für ihn einfach nicht zu ertragen und müßte ja zum Selbstmord führen!«
»Ganz richtig,« sagte Do, »und das ist auch die Stelle, an der der Schlüssel zu dem Rätsel vergraben liegt: die Eigenliebe Rolf Krakes hieß ihn, den Haß gegen sich selbst auf sein Ebenbild zu übertragen – auf seinen Bruder Woldemar! Alles, was er an sich selber nicht leiden mag, das kommt ihm im Bruder doppelt und dreifach und peinigend verzerrt zum Bewußtsein. Er sehnt sich nach ihm, er reist in dieser brüderlichen Sehnsucht sogar über viele Meilen zu ihm – aber dann ist es, als begegne er seinem Bilde, und der Haß gegen dies Bild ist ihm geläufiger; denn die Selbstliebe dämmt ihn nicht ein.«
»Ich werde ihn in der kommenden Zeit mitnehmen an den Karauschenteich,« sagte Jakobus. »Du und Hanna, ihr sollt mehr um ihn sein als bisher. Während ich arbeite, lustiert ihr euch in der blühenden Heide.«
Am anderen Morgen zogen sie zusammen aus. Auch in den folgenden Tagen. Rolf Krake war gerne dabei. Aber die funkelnde Helligkeit, mit der er Hanna damals am Eldetag umleuchtet hatte, war nicht mehr in ihm.
Darüber ward das Verhältnis der beiden zueinander freier, erlöster. Von Stund' an konnten sie in der hohen Sommerwelt miteinander spielen wie Kinder, die sich heute bis zur Ausgelassenheit aneinander freuen und sich morgen vergessen. »Ich habe mich immer ein bißchen vor Ihnen gefürchtet, Rolf Krake,« sagte Hanna. »Nun haben Sie den Plan der Verlobung ja aufgegeben. Das ist vernünftig. Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hände – von jetzt ab sagen wir ›du‹ zueinander. Und nun geben Sie mir auch einen brüderlichen Kuß!«
Jockele lachte. »Hanna küßt immer erst fröhlich drauflos, wenn die Gefahr vorüber ist; dann aber mit Vorliebe. Ich kenne das.«
»Du, du!« drohte das aufgeblühte Mädchen. »Nimm dich vor mir in acht! Dich möcht' ich doch gerade erst in Gefahr bringen – es ist aber furchtbar schwer.«