Sie fanden, daß die Straße zu so bedeutenden Gesprächen nicht der rechte Platz wäre. Deshalb reichte Gwendolin Herrn Meyer die Hand.

»In einigen Tagen hoffen wir auf Ihren nachbarlichen Besuch, lieber Meyer,« sagte Jockele.

»O,« sagte der in ehrlicher Bescheidenheit und deutete an seinem fadenscheinigen Rock hinab, »zuviel Ehre für einen armen Musikmeister.«

»Ach, dichten Sie keine Tragödien, Meyer,« sagte Gwendolin, »bei Jockeles sieht man das Herz an.«

Erich Meyer war erschüttert. In seiner Dachkammer sank er auf den Stuhl und dachte: vor ein paar Jahren war er mit diesem vornehmen Doktor Sinsheimer durch den Park gezogen – damals war der ein schlechter Zigeuner gewesen … »aber ein guter Musikant!« sagte Erich Meyer und holte einen tiefen Seufzer aus seiner Brust.

Als sie nach Hause kamen, lag da ein Schreiben der Staatsanwaltschaft in Hamburg an Frau Doktor Doris Sinsheimer. Es war nach der Insel Nane Thords gerichtet gewesen und nachgesandt worden. Darin stand: Es befindet sich in Hamburg seit drei Wochen ein junger Mann namens Rolf Krake in Untersuchungshaft. Er hat sich der Polizei gestellt und behauptet: »Ich habe meinen Bruder, den Doktor Woldemar Krake, vor acht Tagen erschossen. Den Ort sage ich nicht: ich nehme an, die Bluttat ist der Bevölkerung verschwiegen worden, die ich durch eine Untersuchung an Ort und Stelle nicht beunruhigt sehen mag. Ich glaube auch nicht, daß außer mir ein Mensch von dem Verbrechen weiß, da mein Bruder im Augenblick seines Sterbens in eine unergründliche Tiefe versunken sein dürfte. Man wird ihn vermissen, aber man nimmt wohl an: er und ich haben sich heimlich von unserem damaligen Aufenthaltsort entfernt – ich weiß es nicht. Ob ich die Tat mit Überlegung und bei vollem Bewußtsein vollbrachte, kann ich nicht genau sagen. Ich bin mit der Absicht zu dem Tatorte gekommen, mich selbst zu töten. Es ist wahrscheinlich, daß der Mord die Folge eines psychologischen Vorgangs ist, den ich nicht in vollem Umfange zu erklären vermag.« Weiter stand in dem Schreiben: Es stimmen alle Angaben Rolf Krakes über seine Herkunft und seinen Bildungsgang. In Kiel, wo er zuletzt Student war, ist er auf Reisen ins Ausland abgemeldet, ohne nähere Bezeichnung des Aufenthaltsortes. Er hat Frau Doris Sinsheimer angegeben als diejenige, welche den von ihm erwähnten »psychologischen Vorgang« mit größerer Sicherheit darstellen könnte als er selbst. – Do wurde aufgefordert, aus dem Auslande zunächst einen schriftlichen Bericht an die Hamburger Staatsanwaltschaft zu senden.

Die Erregung über diese Botschaft glich einer totalen Sonnenfinsternis: sie brachte eine bleierne Schwere, die den Atem beengte, aber sie ging rasch vorüber. Sie wich der freudigen Genugtuung, daß dem unglücklichen Freund ein großer Dienst geleistet werden konnte.

»Wie hab' ich ihn gequält, damals, ehe ich dem Rätsel in ihm auf den Grund kam: dem Weg des Hasses gegen sich selbst, in dem eine Stelle ist, an der immer Woldemar Krake auftaucht und für ihn zum Träger des Hasses wird …«

»Sage: ein Blitzableiter an der höchsten Stelle des Hauses, der den Funken auf sich zieht,« warf Jockele ein. Dann begab er sich in sein Arbeitszimmer, schrieb einen langen Bericht und nahm darin das eigentümliche Räderwerk dieser Seele auseinander und setzte es kunstgerecht wieder zusammen. Es wurde darüber Abend, es wurde Nacht, und es graute der andere Tag: es war ein Buch geworden, das Jockele verfaßt hatte. Darin fand sich alles geschildert, was sich am Skjold ereignet hatte, wie sie den Verletzten mit zwei Wunden gefunden, die so leicht gewesen waren, daß nicht einmal alle des kleinen Kreises Kenntnis von dem Vorfall erhielten. Es war die jetzige Wohnung Woldemar Krakes angegeben; es war das Verhältnis Rolfs zu den Freunden geschildert und die Eigenart seines wissenschaftlichen Interesses; es waren Auszüge aus seinem Tagebuch beigefügt, und es wurde der Tatort mit Anschaulichkeit gezeichnet, dessen Lage in Rolf Krake die Meinung erweckt hatte, der Bruder wäre in den schäumenden Wassern versunken. Über den seelischen Druck, unter dem Rolf seit den Tagen des Knaben gelebt hatte, über die Ursachen und das Wachstum dieses Druckes gelangte Jakobus zum Letzten und Schwersten: zu der Darstellung des psychologischen Vorgangs im Augenblick der Tat – Rolf sieht sich von seinem Bruder verfolgt, wiewohl er es selbst ist, der sich verfolgt; im Grunde hat er die Liebe zu Hanna von Fellner längst überwunden – zuletzt vielleicht, weil er sich sagte: sie wird sich ja doch für den Bruder entscheiden. Und dennoch benützt er diesen Verzicht als Vorwand zu seinem Selbstmord: er richtet die Waffe gegen sein Herz. Als er schon den Daumen um den Abzug krümmt, wird er von dem Bruder gestört. Wiederum von diesem Bruder, der ihm, seiner Meinung nach, den Weg zu Glück und Leben vermauert – soll ihm von dem nun sogar der Weg zum Sterben verwehrt sein? … Undurchdringlich sinkt die Finsternis des Hasses in ihn. Vier Kugeln sendet er nach dem Bruder und – hat eigentlich auf sich geschossen: das mörderische Blei galt dem eigenen Spiegelbilde! Keine Eifersuchtstat, keine Rache, keine perverse Lust an fremdem Blut, nichts von Mordgier, nichts von Gemeingefährlichkeit – sondern: ein »psychologischer Vorgang«, dessen Entschleierung die Aufgabe des Seelenarztes ist …