»Natürlich wird es ihm nicht gut gehen. Pah, was gilt das ihm! Fällt ihn heute der Teufel an, so stellt er ihn auf den Kopf, und es wird morgen der liebe Gott daraus. Er mißt sein Schicksal immer so, daß nie ein richtiges Unglück herauskommt. Na und schließlich: er weiß uns ja zu finden.«

»Niemals!« sagte Gwendolin. Dann verscheuchten ihr Do und Jockele die Fledermäuse und wurden alle drei lustig an Henrik Tofte, der so lang war, daß er immer ganz vergnügt oben herausragte, wenn ihn sein Schicksal gleich einmal in recht tiefes Wasser warf. »Er hilft sich selbst,« sagte Jockele, »und Rolf Krake hilft sich auch selbst, man muß ihn allein lassen – lebensgefährlich ist das Leben nur für Erich Meyer. Erich Meyer ist ein Mensch, der sich seit zehn Jahren in einemfort aufrichtet. Aber er hat gleich eine Waffe zur Hand, mit der er sich ebenso unausgesetzt niederschlägt: sein goldenes Herz. Ich wette, ehe er in die Dachkammer dieses Erholungsheims geraten ist, hat er dreimal sein Bett verschenkt. Und den Stuhl, für den er einmal das Geld besaß und verschenkte, den hat er sich bis heute nicht angeschafft. Aus lauter Bescheidenheit geht er jetzt einen anderen Weg zur Stadt, nur damit er nicht durch unsere Tür gerät. Do, liebste Do, dieses Märchen mit dem Goldherzen könntest du zu einem vernünftigen Ende dichten!«

»Nun, und du?« fragte Gwendolin. Da setzte Jockele ein geheimnisvolles Gesicht auf. »Ha!« sagte er, »ich glaube, ich bin durch die Erlebnisse des Sommers ein bißchen aus dem Sattel gekommen« – er klopfte Gwendolin sanft auf die Achsel – »du, mir scheint, ich stehe wieder einmal am Zaune des Tartarus, um auf den Berg der Seligkeiten zu steigen! Seit ich mich schreibenderweise in die Rätselseele Rolf Krakes vertieft habe, sind mir Flechten und Frösche eine etwas trockene Materie geworden.«

Gwendolin schloß ihn in komischer Rührung in ihre Arme. »Hurra! Meine Ahnungen! Meine Ahnungen!«

»Es ist wahrhaftig so,« sagte er, »das Beste hab' ich dem Hamburger Gericht nämlich gar nicht aufschreiben können – na, nennen wir es mal: den Ertrag des spekulativen Denkens. Es sind seit jenen Tagen allerhand Lockungen da, zum Beispiel Henrik Tofte. Seht, diesen Menschen möcht' ich mal aufschreiben; den möcht' ich mal auf einem Haufen Papier zum Bilde Gottes erschaffen, zu dem er sich selbst nie erschaffen kann! Ich gehe seit einigen Tagen in einem wunderlichen Zustand umher: als Gelehrter dacht' ich – jetzt denkt es in mir; als Gelehrter schrieb ich – jetzt aber fängt es in mir an zu schreiben …«

»Wie es in mir malt,« unterbrach ihn Gwendolin lachend.

»Ja, so wird es wohl sein.«

»Ich finde, es ist bei uns immer ungeheuer viel los,« sagte Do, »Gesellschaften will er geben, dichten will er, Erich Meyern wollen wir einrichten, die Tante Veronika soll kommen …«

»Ach, Teufel,« machte Jockele, »da müssen wir das Dichten und den ersten Gesellschaftsabend doch noch aufschieben! Aber bereiten werden wir Haus und Herzen für beides; denn das mag Tante Veronika gern leiden.«

Also gingen sie ans Werk und sannen ein Zimmer nach dem anderen, sannen das ganze Haus in seiner Einrichtung um, wie es ihrem Wohlbefinden und ihrem anderen Geschmack entsprach. Das hatte gleich in den ersten Tagen geschehen sollen, aber die waren ja voll gewesen bis zum Rande. Doch nun waren sie in Schwung, stellten einen großen Rumor an, wirbelten zwischen dem Diener Fritz und einigen Handwerkern, wirbelten zwischen der Köchin und dem Zimmermädchen herum und fanden das nach den mannigfachen Erschütterungen der Gemüter äußerst beruhigend. Zuletzt kamen der Wintergarten auf der einen und die Vorhalle mit dem Treppenaufgange an der anderen Seite daran. Im Wintergarten hinter den doppelten Scheiben wirkte Do. Sie schuf ein liebliches Wunder aus Palmen, Grün und Blumen und dem Strahle des Springbrunnens, der nun klingend über Kristall fiel. In der Vorhalle ließen Jockele und Gwendolin schön geschnittene Säulen aus Lorbeer wachsen, und auf den Trägern vor der Treppe glühte das Licht in Schalen aus buntgewürfeltem Glas. Es war schön und heimelig – beides.